1427
mid) eine „fopernikaniſche Umwälzung“ in der
Jugendbildung und -erziehung herbeiführen
wollte. Der eudämoniſtiſche JndividualiSmus,
der unſer Volk ſchon ſeit Jahrzehnten beherrſcht
umd ſich gern an ethiſchen Wertung3maßſtäben
vorbeidrüdt, wollte nun dem Kinde ein glückfliches
Daſein ſchaffen, indem er ſeine Natur, ſeine un-
gehemmte Individualität zum höchſten Geſeß
erhob. Der Bund für Schulreſorm (1908) hatte
das Lojungswort „Vom Kinde aus" ausgegeben.
Die Gegenwart macht daraus das Schlagwort
„Alles vom Kinde aus“ und zeigt in dieſer
Maßloſigfeit, wohin eine ſich überſchlagende
Neſormbewegung geraten kann, die einfach die
Vorzeichen umkehrt und „an Stelle des Abſo-
lutiöSmus des Lehrer3 das Selbſtbeſtimmungs-
recht des Schülers ſetzt". Der Ärger darüber darf
uns aber nicht blind machen gegenüber den be-
rechtigten Forderungen, die ſich aus der Pjycho-
logie ergeben und die großenteils in der heutigen
Schule jchon verwirklicht ſind. Das Kleinkind
findet jchon längſt im Kindergarten liebevolles
Cingehen auf jeinen Bewegung3- und Spiel-
trieb; jein Drang, die Formen und Dinge ſeiner
Umgebung und die Erzeugniſſe ſeiner Phantaſie
darzuſtellen, wird auf die mannigſachſte Weiſe
(zeichneriſch, plaſtiſch, rhythmiſch, mimiſch) be-
ſriedigt, und immer wird auf Freiheit dex Wahl
und auſ Berüdſichtigung der Sonderart ge-
halten, wenn auch die Anleitung zur Einordnung
nicht zu kurz kommt. In der Grundſchule wird
der Geſtaltungstrieb weiter gepflegt und die
Grenze zwiſchen Spiel und Arbeit noch lange
-- ſicher oſt zu lange --- fließend erhalten.
Dadurch, daß in allen Schulen und auf allen
Klajjenſtuſen der Gedanke des Arbeitöunterrichts
heimiſch werden ſoll, iſt ja auc) der Grundſaß
ausgeſprochen, daß die Eigenart des einzelnen
Kindes zur Ausprägung kommen ſoll. Nur
ſchade, daß man dieſen geſunden Gedanken
gern zu Tode heßt, inſofern man nicht nur die
manuellen, intellektuellen und äſthetiſchen An-
lagen weitgehend berücfichtigt, ſondern aud
den noch ungeſormten Willen, den Eigenſinn,
die Launen und Stimmungen al38 Rührmich-
nichtan behandelt. J in denen das völlige Gewährenlaſſen, die gren-
zenloſe Bewegungsfreiheit der Kinder eine
Diſziplinloſigkeit ſchuf, die den Unterricht zeii-
weiſe einfach lahm legte. Daß man heute
Recht des Kinde3

1428
Leſe- und Schreibübungen mit den Kindern viel
ſpäter beginnt, läßt ſich gewiß verteidigen. Daß
man aber einen „Schreibkurſu8" nur einrichtet,
wenn die Kinder ihn „wünſchen“, iſt ein Unfug,
in den ſich die Schulbehörde einmiſchen ſollte.
Wenn man den Religionöunterricht ablehnt, weil
er nicht „Hindertümlich“ ſei, ſo iſt dies natürlich
nur ein pſychologiſches Mäntelchen für die Ab-
neigung der Erwachſenen gegen Werte, die
ihrer flachen Dieöſeitigkeit unbequem ſind. Was
man in dieſem Zuſammenhange gern Lebens8-
nähe nennt, iſt oſt auch nur ein Mittel, die eigene
Nüchternheit und Plattheit zu verſteen. Die
heutigen Anwälte des Kindesrechts in der Schule
jind ja überhaupt leicht bereit, bald dieſes, bald
jenes Fach ganz aus der Schule zu verweiſen
pder die Beteiligung daran wenigſtens freizu-
ſtellen. (Der Gedanke der „Bewegungsfreiheit
der Oberſtufe" ſoll damit jedoch nicht grundſäßlich
von der Hand gewieſen werden.) Daß ſie damit
die heranwachſende Generation um die Teil-
nahme an weiten Gebieten der objektiven Kultur
bringen, die ſich nicht einfach durch Nichtbe-
achtung aus der Welt ſchaffen laſſen, bedenken
ſie nicht. Jhre eigene Ratloſigkeit, ihre dilettan-
üſchen Löjung3verſuche gegenüber den Nöten
der Zeit beweiſen am beſten, daß ein Volk nicht
ungeſtraſt jeine Geſchichte verleugnen kann.
Die größte Geſahr aber liegt in der Relativierung
und Jnſrageſtellung der ſittlich-religiöſen Werte.
Das ſtärkſte „Recht des Kindes" iſt ſchließlich
doch das, zu einer ſittlich-reiſen, innerlich ge-
ſeſtigten, lauteren Verſönlichkeit erzogen zu
werden, die weniger an ihre Rechte als an ihre
Pflichten denkt und durch die Zucht des Geiſtes
das Überwuchern der auf bloße Luſtbefriedigung
gerichteten Triebe hindert. So lange nicht zu
hofjen iſt, daß wenigſtens die Berufserzieher ſich
über dieſe Aufgabe und die Wege zu ihrer Ver-
wirklichung einigen, wird man um die Zukunft
unſeres Volke3 bangen müſſen.
Literatur. EC. Key: Das Jahrhundert des Kinde3
(1902). =- L. Gurlitt: Erziehungs8lehre (1909). --
G. Wyneken: Schule und Jugendkultur (19192). --
Derſelbe: Der Kampf für die Jugend (1919). --
B. Otto: Lehrgang der Zukunftsſchule (191238), =
IJ. Gläſer: Vom Kinde aus (1920). -- J. Kühnel:
Die alte Schule (1924). =-- G. Kerſchenſteiner:
Autorität und Freiheit als Bildungsgrundſätße (1924). =
%. G. Münc: Freude iſt alle3! (19242). -- W. Klatt:
Unſer Kind und die Schule (1926). -- Vgl. auch die
Angaben zu dem Art. „Produktionsſchule“. Stati.




Dru von Velhaaen & Klaſina in Bielefeld

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.