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die Geſahr, daß der Bruch troß de8 Bruchbandes
ſich plößlich einklemmt (3. B. auf dem Land, auf
Reijen), ohne daß dann geeignete dhjirurgiſche
Hilfe jhnell zur Hand iſt. Unregelmäßigkeiten
der Verdauung, wie ſie namentlich häufig bei
jungen Mädchen ſich ſinden, die ſich ſcheuen, in
der Schule auf das Kloſet zu gehen, und die dann
zu Verſtopfung führen, follten unter ailen Um-
ſtänden bejeitigt werden, weil ſie den ganzen
Stofjwechſel ungünſtig beeinfluſſen. Das Wurm -=
leiden (Spring-, Spul- und Bandwürmer) iſt
äußerſt verbreitet. Nervöſe Kinder leiden oft ſehr
unter den durch die Springwürmer verurſachten
Beſchwerden, die ſich periodiſch zu verſchlimmern
pflegen. Sie gehen, abgejehen von ſchlechtem
Ausſehen (Ringe unter den Augen), oft mit
Appetitmangel, der mit Heißhunger wechſelt,
mit Schlafſtörungen infolge des abendlichen Her-
auskriechens der Würmer aus dem After, mit
Nägelkauen, Reiben der Naſenſpiße und anderen
Symptomen einher. Die Kinder ſind oft reizbar,
unauſmerkjam und unluſtig zur Arbeit, 3. T.
durc) den lebhaften Juckreiz. Wegen der ſtets
drohenden Anſteckung mit Bandwurm follte
der Genuß von rohem Rindfleiſch unter allen
Umſtänden verboten werden.
10. Rachitis. Zahlreich iſt die Zahl der Schul-
kinder, die no Reſte von Überſtandener Rachi-
tis zeigen. Eine erneute Erkrankung an weichen
Knochen kommt gegen die Zeit der Pubertät hin
vor, namentlich an den unteren Extremitäten
(Spätrachitis), und hat unter Schmerzhaftigkeit
(Wachstumsſchmerzen!) und Gehſtörung eine
Verkrümmung der Beine zur Folge. Die von
ſchwereren Graden der Rachitis geſeßten Skelett-
veränderungen beſtehen meiſtens zeitlebens fort,
namentlich die der Kopfform und die Verände-
rung am Bruſtkorb (Hühnerbruſt, Rückenverkrüm-
mungen), wenn auch das rachitiſche Knochen-
übel in der Mehrzahl der Fälle im [ſpäteren Alter
ſich aufſallend gut wieder ausgleicht, ſo daß nur
in ſjc O-Beine, Beckendeſormitäten) beſtehen bleiben.
Durch die Verbiegungen der Beine kommt es zu
Knick- bezw. Plattſußbildung, die ſich ſtörend
(Schmerzen, leichte Ermüdbarkeit) z. B. beim
Turnen und Wandern geltend machen und un-
bedingt der Behandlung bedürfen (Einlagen).
Am auffallendſten ſmd die Verbiegungen und
Verkrümmungen der Wirbelſäule (Skolioſe),
die ſogenannten Belaſtungsdeſormitäten. Die
habituelle Skolioje tritt in der Regel im Laufe
der Schulzeit bei Mädchen auf und iſt im weſent=-
lichen eine Folge de3 langen SißenS bei ſchwacher
Rücenmuskulatur. Die Mädchen ſollen beim
Hereintreten in die Schulbank und Hinſeßen die
Röcde glatt nach vorne ſtreichen, da fie ſonſt, wie
es gewöhnlich der Fall iſt, durch die ſeitlich ver-
jchobenen Kleidungsſtücke gewiſſermaßen auf
einer ſchiefen Cbene ſitzen, die eine ausgleichende
Krankheiten des Schulalters -- Kritizi8mus

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Verbiegung der Wirbelſäule zur Folge hat.
Cbenſo muß auf gute Haltung beim Schreiben
geſehen werden, damit die eine Schulter nicht
höher ſteht. Auch iſt das Tragen der Schulranzen
auf dem Rücken dem Tragen der Schulmappen
auf einer Seite vorzuziehen, gilt aber von einem
gemitten Zeitpunkte ab bei Knaben als unmänn-
lich, beim Mädchen als kindlich.
Sehr groß iſt leider die Zahl der Schul-
kinder, die an ſchlechten Zähnen leiden. Dies
beruht auf verſchiedenen Krankheitszuſtänden
(Rachitis) und auf ſchlechter Pflege. Die früh-
zeitige Behandlung der kranken Zähne (Schul-
zahnflinik), auch der Milchzähne, iſt nötig, weil
bei faulen Zähnen vielfach der Appetit (Geruch
aus dem Munde) und die gehörige Zerkleinerung
der Speijen im Munde (Verdauungsſtörungen)
leidet. Ferner können aud) von eitrigen Ent-
zündungen der Zähne Schmerzen und All-
gemeinſtörungen (ſeptiſche Erkrankungen) ihren
Urſprung nehmen. Störungen in der Zahn-
jtellung beruhen meiſt auf Kieferverbildungen;
die Wiederherſtellung normaler Verhältniſſe er-
ſordert ein langwieriges Tragen von Apparaten,
die Schmerzen verurſachen, das Kauen ex-
ſc Crnährung bezw. die Gejamtentwiklung hindern.
Wegen der Krankheiten nervöſer bezw.
pjſychopathiſcher Natur ſiehe die einſchlägi-
gen Artikel (Nervoſität, Hyſterie, Epilepſie,
Dementia praecox uſw.), wegen der Sprach-
ſtörungen den Artikel „Sprachheilpflege“; wegen
der anſte>enden Krankheiten ſ. d
Literatur. Rein-Selter: Das Kind. Seine
förperliche und geiſtige Pflege von der Geburt bis zur
Reife (1927). v. Mettenheim.
Kretiniomus [. Schwachſinn.
Kritiziomus. 1. Wejen. Kritiziomus (Kr.)
im weiteren Sinne heißt jede Philoſophie,
welche ihre Sätze nicht ohne weitere Begrün-
dung („dogmatiſch“) aufſtellt, ſondern vor-
urteilslos deren Geltung nachzuweiſen ſucht.
Kr. im engeren Sinne iſt die Philoſophie
Kants und der Kantianer. Er iſt die Methode
Kants und ſeiner Jünger, wie der Verſtand zu
aprioriſchen d. i. allgemeingültigen und notwen-
digen Ertenntniſjen kommt. Er iſt zu allererſt Er-
tenntniStheorie, indem er die Frage zu beant-
worten ſucht: Wie ſind ſynthetiſche Urteile apriori
möglich, d. h. wie kann der Verſtand (ſynthetiſch)
das Wiſſen erweitern, aus der Erfahrung neue
Geſetze gewinnen, die zugleich allgemeingültig
und notwendig ſind. Der Kr. prüft alſo die Lei-
jtungsfähigkeit unſeres Erkenntni8vermögens
und beantwortet die Frage nach dem Grunde der
Möglichkeit einer Erkenntnis aus reiner Vernunft.
Er iſt in dieſem Sinne Rationali8mus und
ſteht als ſolcher im Gegenſaß ebenſo zum un-
tritiſchen RationaliSmus der Aufklärung wie zum
Dvamati3mus, die beide ohne Prüfung die Fähig-

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