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Wirklichkeit, nicht die Wahrheit, iſt das leßte
Ziel der Philoſophie. Das wirkliche Leben der
Menjchen aber iſt widerjpruch3voll. Die Philo-
jophie benußt das kritiſche Denken al8 Wert-
zeug, um in die widerſpruchsvolle Lage des
Menjc winnen. Exziehung iſt die problematiſche
Wechſelwirkung von Jh und Du, die zwichen
allen Monſchein beſtehen kann. Erziehung iſt
dem Menſchen eigentümlich als die Form der
hiſtoriſchen Entwieelung. Die kritiſche Päd-
agogit ſucht unſer weſentliches Sein, in dem wir
leben, begrifflich zu ſaſſen, um die Wirkung von
Menſch zu Menſch als das Problem der Exr-
ziehung zu klären. Die Wirklichkeit des Päd-
agogen iſt eine andere als die des wiſſenſchaft-
lichen Hiſtorikers. Die Übertragung von Sinn-
deutungen des Vergangenen als geltende Ge=
ſeze auf die Gegenwart iſt ein Grundfehler
unſerer Zeit. Wir haben nur dann wirkliches
Sein, wenn wir den Jrrtum jeder beſonderen
Leiſtung einjehen und den Widerſpruch des
anderen ertragen. Sein, Perſönlichkeit und
Charakter haben heißt: in ver Wechſelwirkung
ſtehen gemäß den Geſezen der Gemeinſchaſt..
(Es gibt keine Möglichkeit, zwijchen Jc< und Du
direkte Brücken zu bauen. Durch Beachtung
ihrer Unvereinbarkeit bleiben wir in der Pro-
blematif der Wirklichkeit. Die Wiſſenſchaften
erreichen keine Einwirkung auf die Seele. Jn
den Formen der Kultur haben wir nur den
Neſlex einer lebendigen Wirklichkeit. Die Wirk-
lichkeit des Hiſtorikers iſt das Vergangene; aus
ihr gibt es keinen Übergang in die Gegenwart
unjerer Wirklichkeit. Auch die Naturerkenntnis
gründet ſich auf das Perfektum und hat daher
keine Bedeutung für die Erziehung. Ein Ab-
grund flafft zwiſchen Vergangenheit und Gegen-
wart; daher iſt Erziehung im alten Sinne un-
möglich. Denn die menſchliche Wirklichkeit iſt
eine Wechſelbeziehung, die ihre Realität nur
durc<4 die Anerkennung des Widerſpruchs be-
währt. Erziehung iſt Wechſelwirkung der ver-
ſchiedenen Menſchen. Andere führen und er-
ziehen kann nur heißen: ihren Widerſpruch aus-
halten, fie zwingen, mit uns zu ringen, ſich mit
uns auseinanderzuſeßen. Dieſe Erziehung voll-
zieht ſich nicht nach einer beſtimmten Methode.
Die Mitteilung von Wiſſen führt noch nicht in
die dialektiſche Sphäre des Verkehrs; denn die
Arbeit der Wiſſenſchaft ijt fem wirkliches Ge-
ſchehen mehr. Belehrung kann zur pädagogiſchen
Angelegenheit werden, wenn die Lehre aud)
von der Arbeit zeugt, die der Lehrer im der Ge-
meinſchaft übernahm. Dieſe Lehre iſt aber mehr
als eine Mitteilung der einzelnen Rede, ſie iſt
ein wirkliches Hanveln im Verkehr. Ziele der
Erziehung ſind nicht unendliche Jdeale des
Guten und des Gerechten, ſondern endliche
Möglichkeiten, die mit vem Widerſpruch be=-
KritiziSmus -- Kropf

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haſtet bleiben. Die Verantwortlichlkeit des Er-
ziehers beſteht darin, daß ex das ewig Verborgene
reſpektiert, über ſeine Grenzen nicht hinausgeht,
das Du niemals überſieht und die Anjprüche
des Jch3 nicht voranſtellt. Die kritijche Pädagogik
kann nur die unaufhebbare Beziehung von Jc<
und Du, die Verantwortung als Form des
Gejihehens in ihrer tieſſten Problematit klären.
Die mitgeteilten Sätze beweiſen, daß die
fritiſche Pädagogik Grijebachs mit ihrer Ver-
neinung jeder ſyſtematiſchen Pädagogik, mit
ihrer ſchrofſen Trennung von Wiſjenjc Wirklichkeit, ihrem Weſen nach im ſtärkjten
Gegenjaß zum (kantiſchen) KritiziSmus und der
auf ihn ſich gründenden wiſſenſchaftlichen
Pädagogik ſteht.
Literatur. Der Kr. findet ſeine Darſtellung in den
drei „Kritifen“ Kants, in den Schriften der Kantianer
und Neufantianer. Aus der äußerſt umfangreichen
Kant-Literaturſeien nur erwähnt: Arthur Liebert:
Wie iſt kritiſche Philojophie überhaupt möglich? „Wiſſen
und Forſchen“, Bd. 4 (1923). = Aloy3 Riehl: Der
philoſophiſche KritiziSmus, Bd. 1 (1924). =- Os8wald
Külpe: Immanuel Kant. Aus Natur und Geiſte3welt,
146. (1908). -- PBädagogiſche Schriften: Paul
Natorp: Sozialpädagogif (1914?) = Derſelbe:
Philoſophie und WBädagogitf (1909). -- Derfelbe:
Peſtalozzi, Aus Natur und Geijte3ivelt, 250. (1912). --
Herbert Becker: Das Problem der Pädagogik in der
fritiſchen Philoſophie der Gegenwart. Pädagogiſches
Magazin, 1023. (1925). -- Eberhard Griſebach:
Die Grenzen des Erziehers und ſeine Verantivortung
(1924). Kerrl,
Kropf. Unter Kropf (Struma) werden ver-
ſtanden die (nicht entzündlichen) Vergrößerungen
der ganzen Schilddrüſe oder einzelner Teile
derſelben, die nicht durch heterogene (d. h.
ander3artige, 3. B. Kreb8) Geſchwulſtbildung
bedingt ſind.
Man unterſcheidet verſchiedene Kropfarten:
Struma parenchymatosa, durch Wucherung des
eigentlichen Drüjengewebes, Struma vasculosa,
durch Gefäßwucherung, Struma fibrosa, durc)
Wucherung des Bindegewebes bedingt, und
endlich die Struma eyotica, die durch Bildung
flüſſigkeit3haltiger Hohlräume, Blajen, verur-
jacht wird. Der Laie verſteht unter Kropf
deutlich ſichtbare, geſchwulſtartige Bildungen
am Halte. |
Um die durch den Kropf unter beſtimmten
Bedingungen. hervorgerufenen Erſchemungen
zu verſtehen, muß einiges über die Funktion der
Schilddrüfe (und der Beiſchilddrüſe) geſagt
werden.
Die Schilddrüſe (Glandula thyreoidea) und die Bei-
ſchilddrüſe, die ihr ein= und angelagert iſt (Glandula
parafhyreoidea, auch Cpithelkörper genannt), liegen als
paariges Organ etwa in der Höhe des Kehlkopfes, Schild-
drüſe und Beiſchilddrüſe, Nebenſchilddrüſe, haben eine
ſehr weſentliche Bedeutung: ſie ſind Blutdrüſen mit
innerer Sekretion.
Experimentelle vder operative Entfernung der Schild-
drüſe -- früher oft vorgenommen, ehe man ihre Be-
deutung für den Organi8m1us kannte -- hatten Zuſtände
zur Folge, wie wir ſie bei Menſchen beobachten, die
an anaeborenem Manael oder anaeborener Abjonde

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