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rungsſtödrung der Schilddrüſe leiden, nämlich Wachstums-
hinderungen, Myxoedem, Schwachſiun, Verblödung,
Kretini8m1us8, --
Angeboren iſt der Kropf wohl nur in Kropf-
gegenden. 8 zeigen ſich in ſolchen Fällen ſchon
bald nach der Geburt Atmungsbehinderung,
Erſtikung3sanfälle, Schluckſtörungen. Am häu-
figjten jieht man Sropjentwictlung im Bybertäts-
alter. Es ſcheint, daß bei uns in den lehten
JZaähren die Zahl der Kropfigen ſehr zu-
nimmt -- vielleicht als Folge des Krieges
und Nachkriegselendes. Zunächſt tritt in vielen
Fällen nur eine Schwellung zu beiden Seiten
des Kehlkopfes in die Erſcheinung -- ein Schön-
heitsſehler. Der wachſende Kropf kann aber
Druckerſcheimungen und Verdrängungserſchei-
nungen an der Luftröhre veranlaſſen: Heiſerkeit,
ein typiſches, pfeiſendes Geräujch beim Ein-
atmen (stridor), Luſtmangel, Erſtickungsanfälle.
Cine häufigere, beſonders in der Pubertät
durch Echilddrüjenerfranfung veranlaßte Stö-
rung iſt die Baſedowſche Krankheit (ſ. d.).
Über die Urſachen des Kropfes ſind die An-
ſichten noch jehr geteilt; allerdings ſcheint es,
als ob wir über die Entſtehung der Schilddrüſen-
entartung, die zum Kretinismus führt, einiger-
maßen im flaren ſind (jf. Art. „Schwachſinn“).
Angeborener Mangel oder Entartung der Schild-
drüſe haben körperliche und ſeeliſche Störungen
zur Folge (ſ. Art. „Schwachſinn“ und „Jdiotie").
Bie körperlichen Erſcheinungen ſind die des
Myxödems.
Obwohl ja ſtets bei Feſtſtellung des Kropfes
ver Arzt zu ſragen iſt und auf die Einzelheiten
der Kropfbehandlung hier nicht eingegangen
werden kann, ſei doch eins erwähnt: bei Kindern
ijt bei einer großen Zahl von Kropferkrankungen
die Behandlung mit Jod von ſchlechthin glänzen-
dem Erfolge. Bei Neugeborenen mit Kropf
genügen wenige Einreibungen mit ſchwacher
odjalbe, um den Kropf zum Schwinden zu
bringen. Jn der Schweiz iſt jeht bei Schul-
findern die Behandlung in der Schule durch-
geführt: in der Woche wird ein Milligramm
Jod dargereicht.
Die Behandlung mit Schilddrüſe oder Schild-
drüjenpräparaten muß unbedingt ärztlich über-
wacht werden. v. Düring.
Krüppel, Krippelfürſorge. 1. Umfang und
Art des Krüppeltums. 2. Geſchichtliches.
3. Das Verfahren. 4. Die gegenwärtige
Praxis.
Als Krüppel werden diejenigen Menſchen be-
zeichnet, die durch körperliche Mängel oder Ge-
brechen wie Gliederverluſte, Zwergenwuchs,
Berfrümmungen oder Lähmungen verhindert
jind, ſich wie die anderen Menſchen zu benehmen,
jortzubewegen und zu ernähren. Infolge ihrer
Leiven ſtehen ſie hinter jenen zurü> und ſind
genötigt, ſich ihre Hilfe geſallen zu laſſen. Viele
Kropf =- Krüppel,

Krüppelfürſorge 148
werden, wenn man ſie nicht zurecht bringt, eine
Dauerlaſt der Allgemeinheit. Das Krüppel-
elend iſt jo mannigſaltig und vielgeſtaltig, als
der menſchliche Körper Glieder und Teile hat.
(83 gibt eine lange Stufenleiter vom gelähmten
oder verſtümmelten Finger an bis zur völligen
Hilfloſigkeit, die manchen Krüppel ſchließlich
zum vegetierenden Fleijchklumpen macht.
1. Umfang und Art des Krüppeltums. Die
Zahl der Krüppel iſt größer als die der anderen
Abnormen zujammengenommen. Nach dem
Vorgange der Innern Miſſion, die im Nheinland,
Schle8wig-Holſtein, Schleſien und Sachſen Zäh-
lungen veranſtaltete, veranlaßte im Jahre 1906
Profeſſor Dr. Bieſalski eine umfaſſende Reich3-
ſtatiſtik, die rund 250000 Perſonen mit Krüppel-
gebrechen ergab, von denen etwa 100000 als be-
hinderte Krüppel anzuſprechen waren. Auf 1000
Cimwohner kamen je nach der Gegend 0,08 bis
2,78 Verkrüppelte, im Durchſchnitt 1,48. Die
induſtriellen Gegenden waren ſtärker heim-
geſucht als die landwirtſchaftlichen, das männliche
Geſchlecht war mehr betroffen als das weibliche.
Die angeborenen Verkrüppelungen belieſen ſich
auf 10%, die erworbenen auf 90%. Viele
Krüppel waren außerdem von Schwachſinn und
Falljucht heimgeſucht. Al3 Urſachen der Krüppel-
ſchäden wurden ſeſtgeſtellt: Vererbte Anlagen,
elterliche Trunkjucht oder ſexuelle Verirrung,
ungenügende oder vertehrte Ernährung, un-
geſunde Wohnungsverhältniſſe, Wernachläſſi-
gung, Tuberkuloje, Rachitis, Unfälle ujw. Die
Folgen zeigten ſich in ſchlechtem Körperbau,
Buckelbildung, Hühnerbruſt, verfrümmten oder
verſteiſten Gliedern, Fiſtelleiven, ſchlaſſen oder
krampfartigen Lähmungen, Schiefhals ujw.
Von den Gelähmten hatten, wie ſpätere Feſt-
ſtellungen ergaben, die meiſten lange Zeit den
Lutjcher oder Nuckel benußt, der ganz beſonders
der Träger ſchlimmer Inſektionen iſt. Daher iſt
er in Frankreich ſeit 1924 durch Staatsgejeß
verboten. Sowohl durch ihre Leiden wie auch
durch die ungünſtigen häuslichen Verhältnijje
ſind viele Krüppel aus dem ſeeliſchen Gleich-
gewicht gebracht, jo daß ſie pjychopathiſch
wurden. Die einen hatte elterlicher Unverſtand
verzärtelt, die andern häusliche Pſlichtvergeſjen-
heit in den Winkel gedrängt. So finden ſich bei
den Krüppeln als jeeliſche Mängel nicht jelten
Anmaßung, Selbſtſucht, Eitelkeit und Unverträg-
lichfeit oder Verbitterung, Bo2heit und Haß, [v
daß ſie zu den ſchwierigen Erziehung3objekten
gehören, die an ihre Erzieher große Auſgaben
ſtellen. (Es darf nicht überſehen werden, daß
ſürſorgeloſe Krüppel gar nicht ſo ſelten in die
Bagabondage oder in die Kriminalität über-
gehen und dadurch den Behörden viel zu ſchaffen
machen. Sehr leicht lernt ein Krüppel ſeine Ge-
brechen proſtituieren, um Mitleid erwecdend vom
Bettel zu leben. Dieſe Erfahrungen ſchließen

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