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Keornſächer aller höheren Schulen: Religion,
Deutſch, Geſchichte, Erdkunde als die kultur-
fundlichen bezeichnet, in enge Verbindung mit
den Kunſtſächern, Zeichnen und Muſik, geſeßt,
und für ihre Behandlung im Unterricht wurden
leitende Grundjäße auſgeſtellt. E38 wird ver-
langt, daß die Einheit des nationalen Lebens in
jeinem geſchichtlichen Gewordenſein auch durch
einheitliches Erſaſjen aller ſeiner Erſcheinungs-
ſormen im Unterricht als lebendige Kulturfunde
zur Geltung gebracht werde. Dieje Zujammen-
jchau joll die Tatjachen und Probleme des
nationalen Lebens deutlich machen, zu philo-
jophiſcher Vertiefung des Unterrichts führen
und ver ſtaatsbürgerlichen Erziehung dienen.
63 erheben ihrerſeits auch die fremdſprachlichen
Fächer Anſpruch darauſ, in ihrem Rahmen
Kulturkunde zu treiben; übrigens ſind die An-
weijungen für dieje Unterricht8gebiete in ent-
ſprechendem Simne gehalten.
Nun wurden Bedenken laut gegen den kultur-
fundlichen Grundſaß überhaupt, gegen ſeine
hiſtoriſche Grundhaltung, in der man einen un-
lebendigen HiſtoriSmus zu erblicken meint, von
der man befürchtet, daß ſie an die Faſſungs-
kraft der Jugend unerfüllbare Forderungen
ſtelle, ſie zugleich von wichtigerer Aufgabe,
dem Erleben der führenden Perjönlichfeiten und
der großen GeiſtesSwerke abziehe. Demgemäß
wird der Beſchränkung auf eindringliche Be-
handlung des Sprachunterrichts und der Lek-
türe von neuem das Wort geredet. Der Gegen-
jaß der Meinungen wurzelt zum Teil in einer
verſchiedenen Auffaſſung des Begriffs der Ge-
Ichichte, der älteren, die Nießſche vertrat, und
der jüngeren, die ſich jeit dex Nomantik und der
Hiſtoriſchen Schule herausgebildet hat, als deren
bedeutendſter Vertreter Dilihey anzuſehen iſt:
Geſchichte nicht das einmal Geweſene, ſondern
das immer Lebendige und dauernd Fortwirkende.
Ter Meinungsſtreit hat bei den Gegnern der
Kulturkunde zu einſeitiger Überſpißung geführt,
bei der vas Bewußtjein der unverkennbaren ge-
"meinjamen Grundanſchauungen zu ſehr verloren
ging.
Bon anderer Seite wird gegenüber der
geiſtigen Hoch- und Weitſpannung der neuen
Bildungsziele das „Handwerkliche“ des Unter-
richts betont. Jn dieſem Sinne iſt Theodor Litt
aufgetreten, der zugleich den Grundſatz der Kul-
turfunde pfychologijch fritiſiert, während Martin
Havenſtein ihn vom Standpunkt der Praxis
aus bekämpft. Auch Kerjchenſteiners individu-
aliſtiſcher Bildungsbegriff und jein aus dem Tech-
niſchen entwickelter Begriff der Vollendung in
der Arbeit ſteht in Wider) pruch zur pädagogiſchen
Jdee der Kulturkunde. Die Verteidigung wurde
geführt von Hermann Nohl, Ulrich Peters, Joh.
Georg Sprengel, Walter Hoſſtaetter, Hans
Cchwarß u. a. Vor Überſpannung des fultur-
Kulturfunde -- Kultur und Erziehung

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fundlichen Prinzips im Unterricht wird man
jich jedenfalls zu hüten haben, um die Geſahr
jpieleriſcher Oberſläuchlichkeit zu vermeiden. Klä-
rung ijt einjtweilen zu erwarten von den im
Gang befindlichen praktiſchen Verjuchen und
den Erſahrungen, die mit den zahlreichen auf
Kulturkumde eingeſtellten neuen Lehrbüchern
gemacht werden. Fruchtbare Förderung bringt
die immer entſchiedener auf kulturfundliche
Syntheſe gerichtete Geiſteswiſjenſchaſt und die
auf ihr auſbauende pädagogiſche Literatur. Mit
zunehmender Deutlichkeit und Sicherheit ent-
jaltet ſich das Geſamtbild der Kulturkunde in
der organijchen Cinheit der Erſcheinungsformen
und der notwendigen Auswirkung auf die Bil-
dungsöaufſgabe. Alle Forſchungs- und Unter-
richts8gebiete beanjpruchen ihren Anteil. "Das
Ziel einer großzügigen und einheitlichen Syn-
theje der Kultur ſchaffenden Kräſte im nationalen
Leben wie in der Gemeinjchajt der Bölter, in
der Einheit von Natur und Geiſt, von Ver-
gangenheit und Gegenwart, in der Jdee und
Wirklichkeit des Lebens, aus der engeren Heimat
ins Ganze von Volk und Staat, von da ins
rein Menſchliche ſich weitend: dies Ziel ſteht als
leitende Aufgabe der Erkenntni8 und Bildung
flar vor Augen und wird ſich nicht mehr ver-
dunfeln laſſen.
Die allgemeine Literatur über den Begriff der
Kultur und Kulturkfunde findet man in den einſchlägigen
philoſophiſchen Werken und Handbüchern. VWerwieſen
wird im allgemeinen auf das Schriſtenverzeichnis bei
dem Art. „Deutſchkunde“, der auch inhaltlich, ebenſo wie
der Art. „Deutſcher Unterricht“, zur Ergänzung heran-
zuziehen iſt. Für die neueſte Wendung des Problems3
fommen namentlich in Betracht die Jahrgänge ſeit 1924
der Zeitſchriften: Deutſches Philologen-Blatt, Die Er-
ziehung, Zeitſchrift für Deutſchkunde, Zeitſchriſt ſür
Deutſche Bildung, Schule und Wiſſenſchaft. Sprengel.





Fuliur und Erziehung. 1. Begriſſ der Kul-
tur. 2. Kulturfritik. 3. Kultur, Schule,
Erziehung: a) die Berufsſchule; b) die
Kulturſchule; e) Kritik der Kulturpäd-
agogift.
1. Begriff der Kultur. Cin Einblick im das Ver-
hältnis der Erziehung zur Kultur läßt ſich nur
gewinnen, wenn von einer möglichſt klaren und
umſajjenden Beſtimmung des Begriſſs und
des Weſens der Kultur ausgegangen wird.
Das Wort Kultur (vom lateiniſchen eolere)
bedeutet zunächſt „Pflege, Bearbeitung, Kulti-
vierung“ und wurde urſprünglich vom Acker-
bau gebraucht. Der von der Natur gelieſerte
Boden wurde für einen beſtimmten Zwe
hergerichtet und gepflegt; die von der Natur
gelieſerten Pflanzen wurden auſ ihm an-
gebaut, gezogen und veredelt. Von hier aus
wurde das Wort übertragen auf Leib und Seele
des Menſchen. Der Kulturmenſch unterſcheidet
ſich vom Naturmenjchen durch jeinen gepflegten
Körper und ſeine gebildete Seele. Die Ver-

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