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gegeben; es gilt nur noh, den Nachweis ihrer
Vernunſtgemäßheit zu erbringen. Dies iſt pas
ungeheure Thema der Sch. und die Einzig-
artigfeit ihrer Arbeitsleiſtung. Die Methode
dieſer Arbeit lieferte ihr die Logik und Dialektik
des Ariſtoteles. So ſucht jie Antike und
Chriſtentum zu einer Weltanſchauung von uni-
verſaler und abſoluter Bedeutung zu vereinigen.
-- Innerhalb diejer gemeinjamen Abzielung
aber gehen die Wege auseinander. eindlich
ſtehen ſich gegenüber die Realiſten, die in den
„Univerſalien“", d. i. Allgemeinbegriſſen, aljo
auc im kirchlichen Lehrbegrifſ (etwa der Drei-
einigkeit) objektive Realitäten jehen, und den
Nominaliſten, denen ſie nur Name, jubjettive
Vorſtellung eines dennoch zu Glaubenden jind.
Andere ſuchen zwiſchen beiven Möglichkeiten zu
vermitteln. Daneben ſcheiden ſich die „Schulen“
an der verſchiedenen Bewertung des Auguſti-
nu8, des Plato und des Ariſtoteles, der
praktiſchen und der theoretiſchen Erkenntnis.
Seeberg unterſcheidet 3 Haupttypen der
ſcholaſtijchen Theologie: den ThomiS5mus, den
Scotiömus und den Nominali38mus bei
Occam. Alle drei haben die gleichen Quellen
der Lehre: Tradition und Vernunft. Aber im
erſteren bedeutet Vernunft nicht nur die formale
Logik, ſondern auch die Weltanſchauung des
Ariſtoteles, welche als die natinliche Grundlage
der Offenbarung dialektiſch bis zur Einheit von
Glauben und Wiäjſen mitihr zuſammenzuarbeiten
iſt. Der zweite dagegen ſucht Theologie und
Philoſophie auseinanderzuhalten: jene hat es
auf die praktiſche Erkenntnis des Weges zu Gott
abgeſehen, dieſe, als rein ſoxmale Funktion, es
nur mit dem Auſweis des immanenten ZuU-
ſammenhang3 in der Offenbarung zu tun, als
welch leßtere ohne weiteres die Kirchenlehre
verſtanden wird. Der dritte Typ endlich geht
darüber noch hinaus, indem er der Vernunft
jegliche Zulänglichkeit ſür die Offenbarung ab-
ſpricht: das Dogma iſt ſchlechthin übervernünſtig
und nur in blindem Gehorſam anzueignen.
2. Geſchichte. Im einzelnen laſjen jich drei
Stufen der Entwicklung unterſcheiden.
a) Die Frühſcholaſtik wird von Heſſen (vgl.
Lit.-Angaben) bi3 auf Alcuin (7 804), den ge-
lehrten Begründer des Schuiweſens im Reiche
Karl3 des Großen, und das neuplatoniſche
Syſtem des Joh. Scotus Erigena (f 877)
zurücgeführt. Doch ſept die eigentliche Sch.
erſt mit dem Abendmahlsſtreit des rationaliſti-
ſchen Dialektikers Berengar von Tours (f 1088)
gegen den traditionö8gläubigen Lanſrank ein.
Mit RoScelin beginnt der Streit um die Uni-
verſalien und erhebt der Nominalizmus jein
Haupt wider den durch Anſelm von Canterbury
(1.1109), den Autor der Schrift: Cur Deus homo?
(Warum wurde Gott Menſch?) und des onto-
logiſchen Goitesbeweiſes, vertretenen recht-
Scholaſtik

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gläubigen RealiSmus. Die erſten großen Sy-
teme entſtehen mit der Dialettik Abälards8
(7 1142), der Myſtik Hugos von St. Victor
(T 1141) und dem Sentenzenwerk des Petrus
Lombardus (4 1164), welches auf lange das
maßgebende Lehrbuch der Sch. wurde, zu dem
es ſchließlich über 300 Kommentare gab.
b) Die Hochſ durch die Erſchließung der Werke des Ariſtote-
le3, von dem biä3her nur die logiſchen Schriften
befannt geweſen waren, und der arabiſch-
jüdiſchen Philoſophen, durd) die Begründung
der Univerjitäten, in erſter Linie Paris, und
durd) die Stiftung der Bettelorden, die bald
die meiſten Lehrſtühle an den Univerſitäten mit
ihren gelehrten Mönchen beſehten. Das Haupt-
thema lieferte jeht die ariſtoteliſch-arabiſche Ge-
danfenwelt. Aus der verſchiedenen Art ihrer
Vereinbarung mit der auguſtiniſch-kirchlichen
Überlieferung ergaben ſich die drei Hauptgruppen
des Auguſtiniomus, des AriſtvieliSmus
und de38 Averroi3mus3 (nach dem arabiſchen
Philoſophen Averroes). Jnnerhalb der erſten
ragen hervor Alexander von Hales (T 1245)
und Bonaventura (4 1274), in der zweiten
Albertus Magnus (f 1280) und vor allem
ſein großer Schüler Thomas von Aquin
(T 1274), in vem die Sch. ihren Höhepunkt er-
reicht hat.
ce) Die Spätſcholaſtit des 14. und 15. Jahr-
hunderts zeigt im Unterſchied von der pojitiv-
aufbauenden Art der klaſſiſchen Epoche eine in
zunehmendem Maße kritijc<-negative Denk-
weiſe. Zeigt ſich ſchon bei Joh. Duns Scotus
(4 1308), dem Begründer einer antithomiſtijchen
Schule, daß die dialektiſche Vernunft unaus-
weichlich zu anderen Ergebniſſen kommen muß
als Autorität und Iradition, jo jeht mit dem
Nominali8mus des Wilhelm von Occam (11349)
die Selbſtauflöſung der Sch. ein: die unüber-
brückbar gewordene Kluft zwiſchen Glauben und
Wiſſen zwingt das lektere, auf dem Gebiet des
Dogmas in leerlauſenden Spißſindigkeiten die
eigene Ohnmacht zu beſpiegeln, und den erſteren,
ſich zu blinder Unterwerfung unter die Autorität
zu entleeren. Jmmerhin behielten Thomiſten
und Scotiſten im 15. Jahrhundert die Oberhand.
3. Bewertung. Die Beurteilung der Sch.
ſchwankt in den Jahrhunderten. Humanis5mus
und Reformation, die in ihr um der Verquiung
mit heidniſcher Philoſophie willen nur toten
Forxmali8mus zu jehen vermochten, ſchufen den
ungerechtfertigten Nebenſinn des Wortes, als ob
Sc). und dialektiſche Spißſindigkeit dasſelbe
wären. In Wahrheit lenkte die proteſtantiſche
Theologie mit dem Melanchthonismus, ſür den
das Evangelium abermals eine geoſfenbarte
Lehre wird, ſelber in das ſcholaſtiiche Fahrwajjer
zurück und erſtarrte die altlutherijſche Dogmatik
im Zeitalter der Orthodoxie zu einer „proteſtan-

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