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und Jugendlichen, die uns in der Erziehung
Schwierigkeiten bereiten, außerordentlich ge-
wandelt haben und wir uns ſchon weithin
vädagogiſch jo einſtellen, daß wir uns im Einzel-
falle darüber Rechenſchaft zu geben juchen: wie
weit iſt dem Kinde, dem Jugendlichen ſeine Tat
zuzurechnen und wie weit nicht -- es iſt doc)
keine Frage, daß wir noch vielmehr un3 deijſen
bewußt werden müſſen, daß dir Äußerungen,
die Haunviungen des jungen Menſchen Ausdruck
deſjen ſind, was Anlage und Milieu (einſchl. „Er-
ziehung") gewirkt haben, und daß wir zweitens,
iwas ſehr ernſt und verantwortungsſchwer iſt,
gerade mit unſerer Erziehung häufig ſchuld ſind
am Auftreten von Erziehungsſchwierigkeiten,
und daß, noch ernſter, gerade unjere Erziehungs-
maßregeln zur Bekämpfung ſolcher Schwierig-
foiten oſt Urſache zu ihrer Weiterentwicklung ſind.
3 iſt außerordentlich ſchwer, erfordert große
Erfahrung, Sicherheit und Selbſtzucht, den
Schwierigkeiten in der Erziehung gegenüber an
dem feſtzuhalten, was im erſten Saße geſagt iſt:
Schwererziehbarfeit =- zunächſt nur ein Tat-
jachenurteil.
Wenn uns -- bei Jugendlichen und bei
Kindern -- Schwierigfeiten in der Erziehung
begegnen, jo müſjen wir ganz objektiv nach ihren
Gründen ſuchen. Wir dürſen uns nicht mit dem
Gedanken zuſrieden geben, daß hier eine „Un-
gezogenheit“ vorliegt, ſondern haben uns eben
über die Quelle dieſer Ungezogenheit klar zu
werden.
Als Gutachter bei Geſetzeöübertretungen
haben wir, gerade bei Jugendlichen, Handlungen
zu beurteilen, die der Ausdruck aſozialer oder
antiſozialex Eimſtellung ſind. Wir ſinden in
diejen Handlungen, in dieſer Einſtellung den
Ausdru> einer nicht normalen, den Forde-
rungen unſerer fittlichen, unſerer ſozialen Regeln
widerſprechenden Reaktion. Wie weit das Jn-
dividuum hierfür verantwortlich iſt und ſein
fann, wie weit ihm ſeine Handlungen zuzu-
rechnen ſind, wie weit es zurechnungsfähig iſt,
iſt im Einzelfalle oſt außerordentlich ſchwer
oder überhaupt nicht zu entſcheiden. (E38 ſei dazu
von vornherein bemerkt, daß die Einſtellung des
Erziehers gegenüber dem zu Erziehenden ſtet3
die ver unbedingten (aber nach der Erfüllungs-
möglichfeit abgemeſſenen) Forderung fein
muß -- ſonſt hört jede Erziehung auſ.
Wo beginnt die Krankheit, wo hört die Ge-
jundheit auf? Die Grenze iſt fließend. Der Aus-
drud Pſycopathie iſt von den Pſychiatern ge-
prägt worden. Sie erkannten bei Individuen,
die ihnen zur Beobachtung und Begutachtung
übergeben waren und die ſie nicht als geiſte3-
trank bezeichnen konnten, Züge, die krankhaft
waren; ſie ſahen anormale Reaktionen auf noxr-
male Reize, krankhafte jeelijche Züge, ohne daß
Dic Träger dieſer anormal reagierenden Per-
Schwererziehbarfeit

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jönlichkeit geiſteskranf waren. Umgekehrt, man
kann jagen: von der anderen Seite her macht der
Erzieher, beſonders der fachlich nach dieſer Rich-
tung vorgebildete Erzieher (wie es in Zukunft
alle Erzieher ſein ſollten) an Kindern und Ju-
gendlichen gewiſſe Beobachtungen: man ſtößt
auf Ungezogenheiten, auf Fehler -- furzum auf
SCrichemungen, die die Erziehung erſchweren,
und wer mit Kranken zu tun gehabt hat, macht
die Entdeckung: dieſer Zug, dieſe Handlung,
dieje Reatltion findet ſich ähnlich bei Kranken
und wird verſtändlich durc< Beobachtungen, die
man an Kranken gemacht hat.
Zuerſt iſt ſtets die Auſmerkſamkeit auf ſolche
ECrjcheinungen von den ausgeſprochenen, den
jhweren Fällen her geweckt worden. Das gilt
beſonders auch für den -- ſo viele Erziehungs-
jchwierigkeiten mit ſich bringenden -- Schwach-
jinn. Die höchſten Grade, die ſchweren Fälle
des Schwachſinns, die Jdiotie und die auf der
Grenze der Jdiotie ſtehende Jmbezillität, waren
der Ausgang5punkt des Verſtehens, des Stu-
diums, der Verſuche, die Schwierigkeiten zu über-
winden. Erſt allmählich hat man dann gelernt,
daß beſtimmte Schwierigkeiten in der Erziehung,
im Unterricht, in der AuSbildung ihren Grund
inniederenGraden des Schwachſinns haben ---
in den Fällen der Jmbezillität und der Debilität.
Aber man hat -- das iſt das Wichtige --- erkannt,
daß gänzlich ausbildung3unſähig, gänzlich uner-
ziehbar nur ſehr wenige Schwachſinnige ſind.
Und jo hat man auch erkannt, daß richtige Er-
ziehung verhüten oder doch beſſern kann, was an
krankfhaſten, an pſychopathiſchen Zügen uns als
Schwierigkeit in der Erziehung entgegentritt.
Hierzu noch eine Bemerkung. Pſychopathie iſt
der Oberbegriff, dem der Schwachſinn untorzu-
ordnen iſt. Alle Schwachſinnigen ſind Pſy-
djopathen -- aber nicht alle Pſychopathen ſind
Schwachſinnige! Man überſieht vielfach dieſc
Tatjache. Als Pſychopathen im engeren Sinne
werden diejenigen bezeichnet, bei denen dice
Schwierigkeiten in der Erziehung nicht von Stö-
rungen der Fntelligenz herrühren. (Einzelheiten
[. bei d. Art. „Pſychopathie" und „Schwachſinn").
Man kann noch weiter gehen. Alle Minder-
jinnigen, 3. B. Blinde, Taubſtumme, ja alle
Krüppel werden durc) ihr Leiden anormal, rea-
gieren auf die Reize der Umwelt anormal -- fie
alle zeigen EGigentiümlichkeiten, Züge „ſeeliſchen
Urſprungs", die Schwierigkeiten in der Ex-
ziehung bieten. Auch das ſind „pſychopathiſche"
Züge. Ähnlich verhält e8- ſich mit Zügen, die wir
bei der Epilepſie (ſ. d.) beobachten
Stimmungsſchwankungen, Affektſtörungen. Wir
bezeichnen ſie=-man könnte faſt ſagen: warnend
-- als epileptoid.
Cs erſcheint deShalb jowohl praktiſch-metho-
diſch richtig, wie auch objektiver gegenüber den
Cinzelerſcheinungen (weil eim Werturteil ver-

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