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Hollweg (1858--62) den Höhepunkt. Auf
wiederholte Klagen und Petitionen im Ab-
geordnetenhauje wurden durdy) eine 1. und eine
U. Ergänzungsöverfügung von 1859 bzw. 1861
einige Schärfen gemildert und die Lehrſtoffe
mehrſach erweitert: beide Verfügungen ſind
1861 in einer Druckſchriſt „Die Weiterentwicklung
der R." mit einem Borivvri von Stiehl ver-
öffentlicht worden. Ein Verſuch ſeinerſeits, als
unter dem Miniſterium von Mühler (1862--72)
die Oppoſition erneut einſeßte, durch eine Flug-
ſchrift: „Meine Stellung zu den 3 Preuß. R.n"“
(1872) beſchwichtigend auf die öffentliche Mei-
nung einzuwirken, ſchlug fehl; die neue Zeit
hatte den Bann der R. gebrochen, und Dieſter-
wegs Wort erfüllte ſich, daß ſie bald „der Ge-
ſchichte angehören", wenngleich ihr Iyp noch
weit in die Periode der „Allgemeinen Beſtim-
mungen" hineimwirkt.
An pädagogiſchen Mängeln wurde den N.n
(außer dem in Abſchn. 2 Angedeuteten) zum Vor-
wurſ gemacht: ſie ſind eine Parteiſchrift der firh-
lichen und politiſchen Reaktion; ſie ſchränken den
Bildungskreis der Lehrer und der Landſchule
ungebührlich ein und laſſen feinen Raum für
Erweiterung der Lehrauſgaben; ſie beſchränken
ſich auf das evangeliſche Schulwejen und ſezen --
unter ſtillſichweigender Übergehung der übrigen
Schulſyſteme -- die einklaſſige Form als
„Normalvolksſchule“; ſie regeln die Bräparanden-
bildung ungenügend und werden durch das
Fehlen geſchlofſjener Anſtalten an dem ſpäteren
Lehrermangel mit ſchuld; ſie öffnen durch ein-
ſeitige Auslegung oder Handhabung dem Drill
Tür und Tor und Überhäufſen und veräußerlichen
durch ihre Stoffülle beſonders den Religion3-
unterricht. Verſtimmend wirkten auch „die
mehrfach vorkommenden p»aränetiſchen EGin-
kleidungen der Gedanken in die bibliſche Form“,
deren Anwendung Stiehl 1872 wenig glücklich
damit rechtſertigte, „daß die Form unter den
damaligen Verhältniſſen nüßlich erſchienen ſei
und beliebt wurde".
Als ein den ganzen Aufriß ſchädigender Fehler :
im Bildungsdenken der R. dürfte in die Wag-
jchale fallen: mit der Ablehnung Peſtalozziſcher
Einſeitigkeiten und nachpeſtalozziſcher Über-
treibungen in bezug auf den Formali8mus in
der Schule wurde auch die feine Erfenntnis von
dem Weſen des „Elementariſchen“ prei8gegeben
und jenem nod heute umgehenden gering-
Ichäßigen Sprachgebrauch der Worte Clementar-
jchule“, „Glementarlehrer“ Vorſchub geleiſtet.
Damit war jener Höhenſtandort der preußiſchen
Unterrichtöverwaltung verlaſſen, von dem aus
Süvern einſt den zu Reſtalozzi entſandten jungen
Männern eingeſchärft hatte: „Vergeſſen Sie
nicht, daß gerade das Clementariſche in allen
Regulative
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lichen Bearbeitung derſelben ſür die Schule exr-
forderlich ſind . . . und daß unjere gewöhnlichen
EClementarbücher in allen Fächern eben darum
keine Elementarbücher ſind, weil fie aus der
oberflächlichſten Kenntnis geſchöpft ſind und
meinen; die Wiſſenſchaften populär und leicht
zt behandeln, jei ems der erſten Requiſite
für fie.“
4. Bewertung. Die R., ſür deren Verdienjte
ſich in den Parlament3verhandlungen namentlich
der Staatsrechtslehrex Stahl, der Vorkämpfer
ver tirchlich-fonſervativen Partei, einjeßte,
wurden für die freiheitlich gerichteten oder ſich
jreiheitlich dünfenden Geiſter die beſtgehaßte
Angriſſsfront. Aber ſie ſind doch nur ein Ex-
ponent der von deutſchen Regierungen damals
weithin betriebenen Schulpolitit. Auch die
ſächſiſche Seminarordnung ermäßigte die Bil-
Dungsziele dure) „Ausſcheidung des Über-
flüſſigen und Zuſammenziehung des Zuſammen-
gehörigen“. Gine bayriſche Verordnung von
1859 ſpricht vom „Mangel echt religiös- ſittlicher
und patriotiſcher Haltung" und von den Not-
wendigkeiten der Stoffbeſchneidung und der
Befeſtigung „echt frommen und kirchlichen
Sinnes". Und für die höhere Schule Preußens
bezeichnet Wieſes Lehrordnung von 18956,
wenigſtens nach Seiten der firchlichen Reſtaura-
tion, dieſelbe Stuſe. Fr. Paulſen kennzeichnet im
ſeiner „Bädagogit"“ (1911) die Entwicklung, die
in den R.n abſchließend ſich niederſchlug, jo:
„Das Hiſtoriſche, das Objektive, das Allgemeine
gewann überall wieder an Geltung gegenüber
dem Rationalen und Subjettiven; ſtrengere
Bindung des Beliebens wurde auch im Erzie-
hungswejen die herrſchende Forderung."
Die R. haben, auf das Ganze geſehen, dem
preußiſchen Seminar- und Volksſchulweſen zu
der durch Geſeze und Verordnungen erfolgten
Regelung der äußeren Schulangelegenheiten
die noch fehlende innere Vereinheitlichung hinzu-
gebracht. Als ein Zeitdokument aber, oder --
' um mit den Augen des zeitgenöſſiſchen Kämpfers
zu ſehen -- als „ein kleines Kapitel menjch-
licher Irrungen" haben ſie ſich ſelbjt dadurch be-
fundet, daß ihr geiſtiger Vater ſich im Fortgang
des Kampfes zur Preis8gabe einer Reihe von
Poſitionen genötigt ſah (]. Abſchn. 3). Jndes der
Abſtand von den Dingen läßt heute die Motive
beſjer überſehen, die den früheren Neuwieder
; Seminardirektor in ſeine undankbare Rolle ge-
drängt haben. Dem neuen orthodox-kirhlichen
Miniſter hatten ſich rüſchrittlichere Schul-
| männer, als Stiehl es war, mit dem An-
| erbieten zur Verfügung geſtellt, das Lehrer-
' bildung3weſen ſo umzugeſtalten, daß die Heran-

| bildung ſtrenggläubiger, fkönigstreuer Lehrer
geſichert ſei.
Dies Anerbieten gefährdete die
Wijjenſchaften nicht das Leichteſte iſt, daß die Cxiſtenz des Lehrerſeminars, zumal der König
tiefſten Kenntniſſe einer Sache zu einer gründ- | in deſſen Tätigkeit nach der bekannt gewordenen
eO) +x

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