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gebildet. Für da3 Volksbildungsweſen iſt dies
Prinzip in den Schuldeputationen zur Geltung
gekommen. Außer dem Untetrrichtöminiſterium
greifen noch zwei andere Miniſterien im die
Verwaltung der geiſtigen Güter ein: das Mini-
ſterium des Innern, das in der Kulturpolizei
die Sicherheit des öffentlichen geiſtigen Lebens
vertritt, und das Juſtizminiſterium, das über die
Preſſe richterliche Urteile fällt. Das Unter-
richtsminiſterium aber bildet in organiſcher Zu-
ſammenwirfung mit der Selbſtverwaltung den
eigentlichen Organismus der Schulverwaltung
im Staate.
In dem beſonderen Teile der Sc tungslehre ſtellt ſich St. die Aufgabe, den Bil-
DUngöprozeß, der in jedem Volke ſich voll-
zieht, im jeine einzelnen Gebiete und Teile
auſzulöſen und das für jeden dieſer Teile Gel-
tende jelbſtändig darzuſtellen. Er analyſiert
alſo die Struktur des gegebenen Bildungs-
wejens. Jnſoweit iſt ſeine Schulverwaltungs-
lehre deffriptiv. Da er aber auf Grund dex
Analyje einen „äußeren Maßſtab“ für die Beur-
teilung gewinnen will, wind feine Schulverwal-
tungslehre in gewijjem Sinne mich normativ.
Die überwiegend beſchreibende und rechts-
dogmatiſche Darſtellung wird aus der Grund-
lage des Syſtem3 deutlich, indem St. die
Bildung in Elementarbildung, Berufsbildung
und allgemeine Bildung gliedert. Die weitere
Diſſerenzierung wird ſo vollzogen, daß er
zwiſchen niederer und höherer Elementar-
bildung, ferner zwiſchen Vor- und Fachbildung
unterjcheidet. Dazu kommt als zweites ſyſte-
matiſches Element die Teilung der Berufsbil-
dung in die gelehrte, die wirtſchaftliche und
die fünſtleriſche Beruſsbildung. Jeder dieſer
drei Teile gliedert ſich wieder in Vor- und
Fachbildung. --
St. hat das Verdienſt, der Begründer der
Schulverwaltungslehre zu ſein. In gleich um-
ſaſjendem Sinne iſt eine Schulverwaltungslehre
nach ihm nicht wieder verſucht worden. Sein
Streben, eine Theorie zu finden, die Über
dem alltäglichen Streit der politiſchen Mei-
nungen ſteht, verdient hohe Anerfennung. Aber
„toß aller philojophiſchen Bemühungen wird
das Wichtigſte doch aus den vorgefundenen Tat-
jachen der Verfaſjung und Geſjeßgebung, der
Behördenorganijation und Verwaltung auf-
gegriſſen“. (Spranger.) Bei allen begrifflichen
Bemühungen kommt im Grunde St.8 Ver-
waltungslehre nicht über das empiriſch Erfaß-
bare hinaus. Die Dogmatik des geltenden
Rechts wirkt zu ſtark, als daß eine wirkliche
Verwaltungslehre hätte entſtehen können.
Literatur. EC. Spranger: Die wiſſenſchaftlichen
Grundlagen der Schulverfaſſungslehre und Schulpolitik.
d(us den Abhandlungen der preuß, Akademie der Wiſſen-
haft, Jahrg. 1927. Phil.-Hiſt. Klaſſe Nr. 3 (1928).
Pixberg.
Stein -- Stiehl

746
Stenographie [. Kurzſchrift.
Stiehl, Ferdinand. 1. Lebensgang. St. iſt
13812 in Arnoldshain im Taunus als Sohn eines
Pfarrers geboren; er beſuchte das Gymnaſium in
Weßlar und ſtudierte Theologie in Bonn und
Halle. Seine innere Entwicklung verlief gerad-
linig; voii Kindheit an für religiöſe und kirchliche
Fragen aufgeſchloſſen, wuchs er ohne Bruch in
die Überzeugung von der überragenden Be=-
deutung der Kirche und der Richtigkeit der ortho-
Dozen Lehre hinein, wie ihm denn ein tägliches
Leſen in der Bibel von früher Jugend an ſelbſt-
verſtändlich war. 1835 wurde er erſter Lehrer,
1336 Direktor des evangeliſchen Lehrerſeminar8
in Neuwied, wo er in Leitung und Unterricht
Tüchtiges leiſtete. Allgemeiner bekannt wurde
er durch eine Schrift über den „Vaterländiſchen
Gejchichtsunterricht" 1842. Zunächſt als Hilf8-
arbeiter 1844 in das Kultusminiſterium be-
rufen, gewann er bald auf dem Gebiet des
Bolkschul- und Lehrerbildungsweſen3 entſchei-
denden Cinfluß. 1848-50 war er Abgeordneter
der Kammer und gehörte der konſervativen
Partei an. Troß der heftigſten Angriffe von
den verſchiedenſten Seiten blieb ſeine Stellung
unter den Miniſtern Eichhorn, Schwerin, Rod-
bertus, Ladenberg, Raumer, Bethmann-Hollweg
und Mühler unbeſtritten, bis 1872 unter Falk
eine Wendung der Schulpolitik erfolgte, die das
Ende ſeiner amtlichen Tätigkeit bedeutete. Die
erſten Jahre des Amtes, angefüllt mit um-
jaſſenden Reijen in den einzelnen Provinzen
und zahlreichen Maßnahmen zur Abſtellung ört-
licher Schäden, verliefen ohne Verordnungen
einſchneidender Art. Die Ereigniſſe des Jahres
1848 führten weiter. Friedrich Wilhelm IV.
jay) in den Lehrerjeminaren und dem von ihnen
in Volksſchule und Volk ausſtrömenden Geiſt
die Quelle der Revolution und alles Unheils und
trieb dazu, hier dem Strom des Verderben3 ein
Ende zu machen. Am 1.--3. Oktober 1854
erſchienen die drei Regulative über das Seminar-,
Präparanden- und Volksſchulweſen (vgl. Art.
„Negulative“). Keine Maßnahme des preu-
ßijchen Kultu3miniſteriums8 hat einen ſo lang-
dauernden und erbitterten Kampf hervorgerufen
wie dieje Regulative. Zwar drückte St. mit der
ihm eigenen Energie auf ihre genaue Durch-
führung, aber das Leben erwies ſich als ſtärker.
Überall wuchſen zunächſt einzelne Schulen und
Seminare über die Beſtimmungen hinaus. St.
mußte ſich dazu bequemen, 1859 und 1861 zwei
Erlaſſe zu entwerfen, die den Rahmen der Regu-
lative erweitern ſollten. Tatſächlich haben beide
Verfügungen den Widerſtand nur verſtärkt; denn
wenn auch in Kleinigkeiten nachgegeben wurde,
z. B. durch Herabſetzung der Zahl der zu memo-
rierenden Kirchenlieder und Bibelſprüche und
Erweiterung des Rechenſtoffes für die Seminare,

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