128 Dienſtfertigkit Dieſſerweg
dann ſchon Entlaſſung eintreten kann, wenn ein Lehrer ſtatt zu Gefängnißſtrafe nur zu Geld-
ſtrafe verurkheilt worden iſt. In Preußen hat exſt eine länger als ein Jahr dauernde Freiheit3-
ſtrafe oder der Verluſt der bürgerlichen Chre, in Württemberg nur Zuchthau8=, Arbeit8haus=
oder Feſtungsſtrafe, ſowie auch Gefängnißſtrafe von mehr als einjähriger Dauer die Ent=
laſſung zur Folge. Ein beſonderer Grund zur Entlaſſung eines Lehrers iſt außerdem der
Vebertritt zu einer anderen Confeſſion, ſofern leßtere dur da8 Amt des Lehrers bedingt
iſt. In dieſem Falle verliert der Entlaſſene nicht die Fähigkeit zu einer anderweiten An=
ſtellung im Lehrfache. Die Entlaſſung eines Lehrer3 erfolgt nur auf Grund vorausgegangener
Unterjuchung und es iſt dem Angeklagten dabei Gelegenheit und Friſt zu ſeiner Bertheidigung
zu geben (in Württemberg 4, in Sachſen 3 Wochen). Sie erfolgt in den meiſten Ländern
endgiltig durd) da8 betreffende Miniſterium auf Antrag der Collegialbehörden, in Württem=-
berg durch den König, in Preußen dur< die Provinzialbehörden (gegen deren Beſchließung
noh Necurs an das Miniſterium offen ſteht), in Sachſen durch das Miniſterium des Cultus,
gegen deſſen Entſcheidung, jedoch nur im Falle es Coſllaturbehörde iſt, an das Geſammts=-
miniſterium appellirt werden kann. Die Entlaſſung zieht den Verluſt des Amtes, des Titel8
und meiſt auch des Gehaltes und Penſions8anſpruches nach ſich. Doch hängt e8 in meh-
reren Staaten (Preußen, Sachſen, Baden) von dem Ermeſſen der Behörde ab, ob dem
Entlaſſenen ein Theil des Gehaltes als Penſion für immer oder nur für eine gewiſſe Zeit
verbleiben joll. In Württemberg erhält bei großer Bedürftigkeit die Familie des Entlaſſenen
Unterſtüßung. Eine weitere Folge iſt der Verluſt der Fähigkeit zur Berwaltung des Lehr-
amtes überhaupt oder doch zur Annahme einer jelbſtändigen Lehrerſtelle ; doch hat man in
der Praxis oft von dieſer Beſtimmung abgeſehen. In Württemberg werden Lehrer bei
mildernden Umſtänden zuweilen nur auf ein oder mehrere Jahre entlaſſen und können nach
dieſer Zeit wieder angeſtellt werden ; auch iſt es ſtatthaft, dergleichen Lehrer als unſelbſtändige
zu verwenden, Eine mildere Form der Entlaſſung iſt die, wenn der Lehrer auf Anrathen
dex Behörde ſi vor der Unterjuchung zur Niederlegung ſeines Amtes entſchließt.
Dienſtfertigkeit. Wer zu jeder Zeit bereit iſt, im Augenbli>e und ohne langes, eigenes
Veberlegen, jowie ohne ermunterndes Zureden von Seiten Anderer dem Wohle des Nächſten
jeine Thätigkeit und Kraſt zu widmen, verdient den Namen eines Dienſtfertigen. Jhm eng
verwandt iſt der Gefällige, der ſich aber nicht bloß im Handeln, ſondern zuweilen auch im
Unterlaſſen kund giebt. Gefälligkeit will bei allem Thun und Laſſen das Wohlgefallen Anderer
erringen ; wahre Dienſtſertigkeit ſragt darna< nicht, jondern handelt entweder aus reinem
Pflichtgefühle, ohne nac Anerkennung zu ſragen, oder aus Liebe und Dankbarkeit. Dienſt-
fertigkeit iſt das im Kleinen, was thätige Menſchenliebe, die Grundtugend des Chriſtenthums
im Großen iſt; ſie iſt für leßtere das rechte Borbildungsmittel. Wenn hier und da nod
Verdroſſenheit und Dienſtunwilligkeit , ſogar bei Kindern vorkommt, ſo deutet dies theils
auf das Vorhandenſein von Trägheit, theil8 auf Selbſtſucht, und wenn beides nicht vor-
handen, auf falſche Erziehung hin. Cin munteres, ſröhliches Kindergemüth iſt der Tugend
der Dienſtſertigkeit äußerſt leicht zugänglich , wenn e8 nur in der rechten Weiſe dazu an-
geleitet wird. Man fange mit der Gewöhnung ſo früh als möglich an und ſei anfangs
nur re größere möglic) machen. Man wee den Eifer zuerſt durch lobende Anerkennungen , ver-
geſſe aber nicht, nach und nach darauf hinzuweijen, daß die rechte Dienſtfertigkeit nicht nach
Lohn und äußerer Anerkennung fragt, jondern den Antrieb in ſich ſelbſt, in dem Bewußtſein
erfüllter Pflicht und in dem Gebote allgemeiner Menſchenliebe findet. Dadurch verhindert
man zugleich die Ausartung derſelben in Geſallſucht, die ein Product des Egoi8mus und
daher verwerflich iſt, bei Kindern aber ſich gern da einniſtet, wo man nur durch beſondere
Auszeichnungen und Belohnungen Dienſtfertigkeit erzielen will. Wobhlthätigkeit gegen Be-
dürftige und liebevolle Unterſtüßung der Schwächeren ſind zwei Seiten der Dienſtfertigkeit,
für deren Anerziehung das Schul- und Familienleben ebenfalls Gelegenheit bietet.
Dieſterweg, Fr. Adolf Wilhelm, für die Volks8ſchule ſeit Peſtalozzi der hervorragendſte
Pädagog der neueren Zeit, wurde am 29. October 1790 zu Siegen geboren, ſtudirte zu
Herborn und Tübingen Theologie und nachdem er als Hauslehrer zu Mannheim, dann an
einer Bolks8ſchule zu Worm8, ſowie ſeit 1811 an der Muſterſchule zu Frankfurt a. M. und

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