M.
Madchenerziehung. Unbeſtrittene Thatſache iſt e8, daß ſeit Einführung des Chriſten»
thums die jociale Stellung des Weibes eine weſentliche Veränderung erfahren hat. Das
weibliche Geſchlec worden. Das Chriſtenthum erfennt an, daß das höchſte Necht der ſittlichen Perſönlichkeit
beiden Geſchlechtern gemeinſam iſt. Nur in der verſchiedenen körperlihen und geiſtigen
Begabung kennzeichnet ſich der Geſchlecht8charakter beider Geſchlechter. Derſelbe iſt zu be-
achten und in der rechten Weiſe zu entwickeln. Doch hierin wurde und wird noch vielfach
gefehlt. Entweder verkannte man die Jdentität der perſönlichen Berechtigung, die troß des
geſchlechtlichen Gegenſaße8 vorhanden iſt, oder man überſah den Unterſchied des Geſchlechts8-
Charakters ganz und gar. Jm Alterthum ſah man das weibliche Geſchlecht als das ab=
jolut niedrigere , geringere an und wies ihm die Stellung der Sklaven als eine natur-
gemäße zu. Bei den Orientalen hielt man * für Weib und Kind, als auf einer Stufe
jtehend, Unmündigfeit für den gemeinſchaftlichen Charakter. Selbſt bei den unter geſteigerten
Culturverhältniſſen lebenden Griechen und Römern ſchloß man principiell das Recht der
freien Perſönlichkeit für das Weib aus , obgleich hin und wieder die höhere Berechtigung
der weiblichen Natur, namentlich bei den Römern, anerkannt wurde. Charakteriſtiſch für
das Germanenthum iſt die höhere Achtung, welche, im Gegenſaße zn den genannten Völ-
kern, von ihm dem Weibe gezollt wurde. Das Chriſtenthum fand gerade hier einen gün-
ſtigen vorbereiteten Boden und hat nun im Laufe der Zeit das Verhältniß beider Ge-
ſchlechter immer mehr geläutert und veredelt. Troß alledem haben fich in gewiſſem Sinne
jene heidniſchen Anjchauungen, nach welchen das Weib etwas Niedriges iſt, bis in unjere
Tage zum Theil erhalten. Fragen, wie die: „Was braucht ein Mädchen zu lernen 2“
oder geringſchäßige Urtheile über die ernſteren Bemühungen, die unſere Zeit für unterricht
liche wie erziehliche Zweee bringt , kennzeichnen dieſen Standpunkt. Schon JFö6n6lon flagt
in jeinem „De V'education des filles“: „Nichts war mehr vernachläſſigt als die Erzieh-
ung der Mädchen. Gewohnheit und Laune der Mütter entſcheidet in dieſer Angelegenheit
über Alle3.* . . . „Für die Mädchen ſei es genug, ſo meint man, wenn ſie lernen dereinſt
die Wirthſchaft führen und ihren Männern gehorchen.“ =- Anderſeit38 läßt man den
ndthige Bildung für Berufsſtellungen, wie ſie biöher nur dem männlichen zugänglich waren.
Die vielfach ventilirte Emancipationsfrage iſt hierfür der einfache Beweis. Selbſtverſtändlich
muß bei dieſer Unterſchäßung einerſeit38 und der Ueberſchäßung der weiblichen Natur ander-
jeit38 die Wahl der Erziehungsmittel auch eine verfehlte ſein. Ziel und Ausgangspunkt
für die weibliche Erziehung darf nach unſerem Dafürhalten nur die Veſtimmung des weib=
lichen Geſchlechtes ſein. Dieſe iſt aber keine andre, als die, Gehülfin des Manne8 zu
jein. Die drei Richtungen des weiblichen Berufes : Haushälterin, Gattin, Mutter ſinden
darin ihren gemeinſchaftlichen Concentration8punkt. Wie werden aber unſere Mädchen ſür
dieſen hohen Beruf erzogen? Sie genießen in der Regel einen achtjährigen Unterricht in
den üblichen Lehrgegenſtänden, daneben empfangen ſie wohl auch noch Clavierunterweiſung.
Nach Entlaſſung aus der Schule helfen ſie mehr oder weniger der Mutter in Beſorgung
der häuslichen Arbeiten, erlernen vielleicht auch noch das Schneidern oder Pußmaden,
Handwörterbuch |. d. Volköſchullehrer. 2, Bd, i

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.