110 Probejahr | | Procentrecnung
ling, dejto mehr Antheil muß bei der Wahl des einzuſchlagenden Weges dem freien Willen
eingeräumt werden, Eine wirkliche Charakterbildung ohne Erziehung nach dieſem lezten
Grundſaße iſt nicht denkbar. Um nun dem freien Willen möglichſten Spielraum zu gewähren
und jeine Kraſt zu ſtärken, haben manche Erzieher zu einem Mittel gegriffen, durch welches
ſie ihren Zöglingen abſichtlich und gefliſſentlich die Wahl des einzuſchlagenden Weges erſchwerten,
indem ſie dieſelben an den Scheideweg oder auf die Probe ſtellten. Ueber die Nichtig-
keit dieſes Verfahrens ſind die Anſichten ſehr getheilt, jedenfalls aber kann Niemand DIe
großen Gefahren weglengnen, die mit der Anwendung desſelben verknüpft find, da von hun-
dert Fällen kamm die Hälfte glücklich ausſchlagen. Es darf daher wohl das „Auf die Probe
ſtellen“ dreiſt al8 ein Fehlgriff in der Erziehung bezeichnet werden, da der nicht zu ver-
kennende Segen, der möglicherweiſe erreicht werden kann, nicht den Nachtheil aufwiegt, der
durch Fehlſchlagen dieſes Erziehungsmittel3 entſteht, und da das Leben ohnehin genügend
daſür ſorgt, daß ſich die ſittliche Kraft erprobt. Führe der Erzieher den Zögling nur
immerhin, jo lange er noch nicht feſtgewurzelt iſt in ſeiner Ueberzeugung; lehre er ihn, zunächſt
unter jeiner Leitung die Geſahren beſtehen, die die Welt bietet, und laſſe er ihn nach und
nach immer ſelbſtändiger handeln, bi8 die Kräfte gewachſen ſind, den Kampf allein zu wagen,
aber provocire er doch ja nicht für ihn Geſahren, deren Tragweite nicht abgeſehen werden
kann. „Welcher Gärtner, der hente ein Bäumchen pflanzt, wird ſhon morgen den Verſuch
wagen, e8 mit der Kraſt jeiner Arme wieder herauszuziehen, bloß um zu probiren, ob es
auch ſfeſigewurzelt jei? Wird er es nicht vielmehr ſtüßen und pfählen und die Probe den
Sturmwinden überlaſſen, die ohne ſein Zuthun die Wurzelkraft des Bäumc werden ?" Und jollte der Erzieher ander3 handeln ?
Probejahr. Für Candidaten de8 höheren Schulamtes wurde zuerſt in Preußen (1826),
dann auch in anderen deutſchen Staaten: Kurheſſen 1834, Naſſau 1845, Sachſen 1848,
Hannover 1853, Bayern 1854, (Oeſterreich 1856) 2c. die Beſtimmung getroffen, daß ſie
nach Beendigung ihres Univerſitätsſtudiums ein Jahr als Probelehrer an einer ihnen von
Regirungöſtelle aus anzuweiſenden höheren Lehranſtalt zu wirken haben, um ihre praktiſche
Ausbildung zu fördern, ehe ſie eine definitive Anſiellung erlangen. Sie ſind meiſt zu 6
bi8 3 Lectionen verpflichtet, und der betreffende Ordinarius , wie hauptſächlich der Rector
der Anjtalt hat ihre Lehr- und Erziehungsthätigkeit zu überwachen , und ihnen berathend
zur Seite zu ſtehen. Bei den Cenſuren hat der Probandus ſeine Stimme abzugeben, und
den Conjerenzen und Prüfungen beizmwohnen. Seine Leiſtungen werden nicht honorirt. Nach
Verlauf des Jahres wird ihm vom Rector ein Zeugniß über ſeine Thätigkeit ausgeſtellt.
Probelectivn. Jeder Bewerber um eine Schulſtelle, ſei er nun Candidat, oder habe
er bereits als Lehrer gewirkt, hat in Gegenwart des vorgeſeßten Geiſtlichen und vor Mit-
gliedern der weltlichen Beſehungsbehörde in einer vollen Claſſe oder mit einigen ausge-
wählten Schülern über ein oder mehrere vorgeſchriebene Themata Unterricht zu halten, um
damit ein ſichtbares Zeugniß ſeiner Lehrfähigkeit zu geben. Eine ſolche Lection führt ven
Namen Probelecetion.
Procentreichnung, Die Procentrechnung gehört zu den Verhältnißrehnungen. Cine
Procentangabe iſt die Angabe eines Verhältniſſe8, welche ſich von anderen Verhältnißangaben
nur dadurch unterſcheidet, daß das eine Glied des Verhältniſſes 100 iſt. Die immer allge-
meiner werdende Angabe eine8 Verhältniſſes al8 Procente iſt durch das bequeme Rechnen
mit der Zahl 100 gerechtfertigt. Man kann im Allgemeinen dreierlei Verhältnißangaben
unterſcheiden : 1) Man drückt gern aus nahe liegenden Gründen die Zahlverhältniſſe in den
fleinjtmöglichſten ganzen Zahlen aus. Eine 2, Ausdruc8weiſe iſt die ſchon oben berührte
Procentſorm und eine 3. Art führt das eine Glied des Verhäliniſſe8 auf die Einheit, was
inſoſern von Vortheil iſt, als das andere gleich angiebt, wie viel Mal ſo groß es iſt als
das erſte. So iſt z. B. die Angabe 60: 100 ein Procentfab, 3: 5 giebt dasſelbe Ver-
hältniß in den kleinſtmöglichſten ganzen Zahlen und 1: 12/3 führt das eine Glied auf die
Einheit. Da uns ein jedes Verhältniß ſagt, wie viel Mal ſo groß das eine Glied iſt
al8 das andere, jo können wir leicht mit Hülfe des gegebenen vollſtändigen Verhältniſſes
ein unvollſtändiges ergänzen ; ſei e8, daß wir eine Proportion anſehen oder den aliquoten
Theil des gegebenen Gliedes nehmen. Zwei Hauptfragen find es, welche die Procentrechnung

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