Sie ſind in den 15 Familienhäuschen vertheilt und werden während der unterricht8freien
Stunden de8 Tages zu Haus», Garten=, Feld= und induſtriellen Arbeiten angeleitet, ſowie
die in 2 Familienhäuſern unter „Schweſtern“ lebenden Mädchen in Küche, Waſchhaus
und weiblichen Handarbeiten Beſchäftigung finden. Das erziehliche Element baſirt auch
hier auf dem ſtreng lir Bibelſprüche, Gebetsformeln und Liederverſe. Eine Anzahl Kinder aus höheren Ständen
erhalten in einem abgeſonderten Hauſe, dem Penſionate, von „PDberhelfern“" entſprechenden
Gymnaſialunterricht. Auch beſiht das „Rauhe Haus“ eine eigene Buchdruckerei mit Verlag,
genannt „Agentur des Rauhen Hauſes“, welcher jährlich nicht allein Wichert's „Flie-
gende Blätter“ und ähnliche Schriften, ſondern auch eine Menge Tractätchen u. dergl. Flug-
blätter in taujend und abertauſend Exemplaren entſtrömen. Wichern, der eifrige Beför-
derer dieſer kirchlichen Richtung , leitet jeht als preußiſcher Oberconſiſtorialrath mit ſeinen
„Brüdern“ einen Theil der Gefängniſſe Preußens, wie ihm auch die energiſche Verbrei-
tung des inneren Miſſion8weſens zunächſt in Deutſchland vornehmlich zu danken iſt.
Reue iſt das Unluſtgefühl über etwas Böſes , das wir begangen haben. Die Berech-
tigung der Neue wird von allen Theologen und den meiſten Philoſophen voransgeſeßt,
von anderen dagegen, namentlich Spinoza, angefochten : als Unluſigefühl hemme dieſelbe
nur den Menſchen. Allerdings thut ſie dies, aber ſie hemmt ihn bei der Fortſezung des
Böſen und wird ein Hauptanlaß zur Beſſerung, zur Sinnes8änderung, zur geiſtigen Wieder-
geburt. Das bloße Weinen, das augenblickliche Zerknirſchtſein , die heilige Verſicherung,
das und das nicht wieder thun, ſich beſſern zu wollen u. ſ. w., wie e3 bei leichtjinnigen,
aber im Grunde gutartigen Schülern jehr hänfig vorkommt, darf den Lehrer durchaus
nicht beſtechen ; denn im Augenblike darauf iſt Verſprehen und Vorjaß wieder vergeſſen.
Man hat da wenigſtens ſehen können, daß der betreſſende Zögling noch nicht verſto>t -
iſt. Die Lehrer betonen in ſolchen Fällen ausdrüclich die Werthloſigkeit von Thränen
und Worten ohne nachfolgende Thaten. Ob man auch etwas „Gute8“ bereuen könne,
wie Schopenhauer behauptet, iſt mehr ein Wortſtreit ; denn auch über das Gute, was wir
begangen haben, können wir ein Unluſtgefühl empfinden, wenn e8, wie bei Wohlthaten,
nicht angebracht war, mit Undank belohnt wurde; indeß nennt der gewöhnliche Sprach-
gebrauch dies eben nicht „Reue“.
Reuß. In Reuß älterer Linie (Reuß-Greiz) ſteht das geſammte Schulweſen, mithin
auch die Geſammtheit der Volksſchulen unter dem fürſtlichen Conſiſtorium zu Greiz. Der
Ortsgeiftliche iſt überall zugleich auch Localſchulinſpeetor. Eine beſjonder8 erwähnenswerthe
gejehliche Beſtimmung iſt, daß der Lehrer zum Zwecke des HoSpitiren8 in anderen Schulen
ſich des Jahres zweimal freigeben laſſen kann. Das Geſeß vom 30. Januar 1868
beſtimmt als Minimalgehalt in Greiz 225 Thix. oder 200 Thlr. neben freier Wohnung,
in Zeulenrode 200 Thir. oder neben freier Wohnung 180 Thlr., auf dem Lande neben
freier Wohnung 170 Thlr. und nach 5-, 10-, 15- und 20 jähriger Dienſtzeit 20, 40,
60 und 380 Thir. Alter8zulage. Ferner ſehte das Geſeh vom 27. März 1868 hei bis
10 Tienſtjahren 40 %/0 des Dienſteinkommens8 und für jedes weitere Dienſtjahr 1 32 %0
mehr bis 830 0 des Gehaltes als Penſion feſt, doch darf dieſelbe 600 Thlr. nicht über-
ſteigen. Von einem Einkommen von 200 bis 400 Thlr. iſt 42% und bei mehr Gehalt
2 12 %0 desſeiben al8 Benſionsſteuer zu zahlen. Das Landesſeminar befindet ſich in Greiz und
wurde 1793 gegründet und 1839 reorganiſirt. Gegenwärtig zählt e8 ungefähr 28 Schüler. -
Der Curjus iſt vierjährig. =- In Reuß jüngerer Linie erſchien 1870 an Stelle des gänzlich
veralteten Geſeße8 von 1819 ein neues Sculgeſeß, welches endlich Einheit herbeiführte,
die bis dahin troß der Kleinheit des Ländchens ſehr vermißt wurde, Das Geſeß zerfällt
in 7 Hauptabſchnitte: Von den Schulgemeinden, von der Schulpflichtigkeit, den Unterrichts8=
ſtunden, der Verantwortlichkeit der Aeltern oder deren Stellvertreter, von dem Schulgelde,
den Bolksjchullehrern und der Beaufſichtigung der Volksſchulen (Schulvorſtände , Diſtricts-
injpeckoren , Kirchen= und Sculcommiſſionen und Miniſterialabtheilung für Kirchen » und
Schuljachen). Das Fürſtenthum zerfällt in drei Diöceſen mit 15 Schuldiſtrieten. Die
Lehrer eines jeden desſelben haben jährlich drei Conferenzen unter Vorſit de38 JInſpector8
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