188 Squlzeugniſſe . Schulzwang
Auf 8 Jahre iſt die Schulzeit geſeßlich beſtimmt in Sachſen, in Großherzogkhume Heſſen,
in Baden, Württemberg, Koburg-Gotha, Weimar u. ſ. w. Ueber- die Dauer der Schul-
zeit in den Übrigen Ländern ſiehe die betreffenden Artikel darüber, =- Was die täg-
liche Unterricht3zeit betrifft, jo pflegt dieſe in den ungetheilten Volk8ſchulen fünf Stunden,
in der in Ober-, Mittel= und Unterclaſſe getheilten Volksſchule dagegen, drei, fünf und
zwei Stunden zu ſein und in den noc< mehr gegliederten Schulen richtet ſich dieſelbe je
nach den örtlichen Bedürfniſſen, ſollte aber nie Über ſechs und unter drei Stunden betragen.
Schulzeugniſſe. Unter Schulzeugniſſen verſteht man entweder die Cenſuren (ſ. d.)
dvder die den Schülern bei ihrer Entlaſſung ( Confirmation) oder bei dem Vebergange
in eine andere Schule ausgeſtellten Zeugniſſe. Ein ſolches Zeugniß muß von dem Director
(Hauptlehrer) einer Schule ausgeſtellt werden, den Namen des Kindes und ſeiner Aeltern,
jein Alter / die Dauer des bi8herigen Schulbeſuche38 und eine vom Claſſenlehrer gegebene
kurze Cenjur enthalten. Es wird gewöhnlich nach einem geſeßlich vorgeſchriebenen Schema
gefertigt und muß in manchen Gegenden auch vom Localſchulinſpector mit unterzeichnet ſein.
Andere bei beſonderen Gelegenheiten, 3. B. bei Bewerbung um Freiſtellen, Geſchenke und
dergl. ausgeſtellte Zeugniſſe der Schule führen nicht den officiellen Namen und ſind nac
der an ſie gemachten Forderung auszuſtellen.
Shulzucht, |. Disciplin,
Schulzwang, Schulpflichtigkfeit. Unter Schulzwang verſteht man die geſeßliche Be-
ſtimmung, daß alle Kinder zur Schule angehalten reſp. unterrichtet werden müſſen. Aus
diejer Beſtimmung folgt dann von ſelbſt die Pflicht zum Beſuche der Schule, die Schul-
pflichtigkeit der Kinder. C38 iſt zwar von mehreren Seiten das Recht de8 Staates, einen
jol in das Naturrecht der Aeltern bezeichnet ; doch dürfte dieſer Einwand nach der heutigen
Auffaſſung des Nechts8verhältniſſes zwiſchen Aeltern und Kind nicht ſtichhaltig ſein. Das
Recht des Staates ſtüht ſich erſtlich auf da8 Recht des Kindes auf Erziehung und Bildung
als Grundbedingung eine8 menſchenwürdigen Daſeins; denn er hat die Pflicht, da8ſelbe in
jeinem Nechte zu ſchüßen, wenn ihm dies von Seiten der Aeltern oder Verſorger verküm-
mert werden jollte. Zweitens hat der Staat in ſeinem eigenen Intereſſe dafür zu ſorgen,
daß ſeine künftigen Glieder zur Erfüllung ihrer bürgerlichen Pflicht geſchickt gemacht werden.
Bietet ex nun in den Schulen das Mittel dazu dar, ſo kann ex auch die Benußung de8=-
jelben fordern. Uebrigen3 beſteht nirgends Zwang in dem Sinne, daß jedes Kind eine ge-
wiſſe Schule, ja überhaupt eine Schule beſuchen müſſe; e8 wird nur geſordert, daß es
mindejiens eben joweit unterrichtet werde, al8 dies in der Volksſchule geſchieht, -- Die
„Fdee des Schulzwanges iſt durchaus keine neue, denn wir finden ſchon bei den Athenern
und Spartanern eine geſekliche Verpflichtung der Aeltern zum Unterrichte und zur Erziehung
Ihrer Kinder, Auch Luther ſpricht ganz beſtimmt die Meinung aus, daß die Obrigkeit die
Aeltern zwingen müſſe, ihre Kinder zur Schule zu ſchien. Jn Preußen wurden ſchon früh-
zeitig Verſuche zur Einführung eines gelinden Zwange8 gemacht, aber exſt durch die Schul-
ordnung vom Jahre 1736 wurde derſelbe völlig begründet; im Kurfürſtenthume Sachſen
wurde ex zuerſt in dem Generale vom 24. Juli 1764 und der Schulordnung von 1772
nu38gejprochen, in Bayern durch die Berfügung vom 23. Dec. 1802 eingeführt. Doch konnie
dieſer Schulzwang nicht überall mit Strenge durchgeführt werden, weil es noch oft an der
nöthigen Zahl von Schulen ſehlte. Gegenwärtig exiſtirkt er in ganz Deutſchland, Deſter-
reich, der Schweiz u. ]. w. In Frankreich regelt zwar das organiſche Decret von 1852 und
das Geſeh von 1854 das Schulweſen bis in's kleinſte Detail ; eine allgemeine Schulpflich=
tigfeit izt aber darin nicht ausgeſprochen. Auch in Belgien, wo von Seiten der Regirung
viel für das Schulweſen gethan wird, ſowie in Holland und England beſteht kein Schul-
zwang. Doch iſt in lehteren Staaten die Einführung desſelben ſchon mehrfach Gegenſtand
der Berathung der geſeßgebenden Factoren geweſen. Auch der neueſte Entwurf eines Untexr-
richtsgejeßes für Frankreich beabſichtigt die Einführung des obligatoriſchen Schulbeſuchs. Läßt
man nun aber für den Staat das Recht, den Schulzwang auszuüben, gelten, ſo iſt damit
doch noch feine3wegs entſchieden, in welchem Umfange dies Recht ausgeübt werden dürfe ;
ob ein Minimum von Bildung oder eine gewiſſe Zeitdauer des Unterrichtes feſtzuſeßen ſei, und

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