Sdqulzwang | | Shwachſinn -/ 189
im erſten Fall, wie viel, im zweiten, wie lange Zeit gefordert werden müſſe. Einzelne Stimmen
(z. B.- Rümelin in der Zeitſchrift für geſammte Staatswiſſenſchaft) ſprechen ſich zwar dahin
aus, daß der Staat rehklich nur ein gewiſſes -Maß von Bildung zu fordern habe, daß alſo
eine Schulpflichtigkeit auf eine gewiſſe Neihe von Jahren unzuläſſig fei; doch hat man in
der Praxis fich bis jeht ſtets für leßteres entſchieden und zwar aus mehrfachen Gründen.
Einmal würde es höht ſchwierig jein, diejes Maß von Bildung genau feſtzuſtellen, noch
ſchwieriger aber, zu ermitteln, ob jede8 Kind ſich dieſes völlig angeeignet habe; zweitens
würden diejenigen Kinder, die das Bildungsöziel zeitiger (vielleicht mit dem 12. ſtatt 14.
Jahre) erreicht hätten, der Wohlthat des Geſees, welches ſie vor zu frühzeitiger Ausnußung
ihrer körperlichen Kräfte ſchüßt, verluſtig gehen; ſodann läßt ſich nicht leugnen, daß nicht
nur eine Summe von Kenntniſſen und Fertigkeiten, ſondern auch eine gewiſſe Reiſe des
Körpers und Geiſte3 zum Eintritte in's ernſtere Leben gehört, die erſt mit einem gewiſſen
Alter eintritt ; endlich würde die Feſtſtellung eines Maße3 von Bildung eine Quelle häufiger
Streitigkeiten zwiſchen Aeltern und Schule werden. = Die Dauer der Schulpflichtigkeit ſchwankt
zwiſchen ſe<8 bis ac (preuß. Gen.-Landſchulreglement v. 1762); im Hilde8heimiſchen gar auf das 4.; doch iſt man
in der neueren Zeit damit herauſgegangen. So ſordern das 6. Jahr das Säch). Schnlgeſeß
v. 1835, das Oldenburgiſche v. 1836, das Badiſche v. 1868; das vollendete 6. das Hej=
ſiſche Schulgeſeß v. 1832, das Gothaiſche v. 1868, das Oeſterreichiſche v. 1868. In ge=
nannten Ländern hört demnach die Schulpflichtigkeit mit dem begonnenen reſp. vollendeten 14.
Jahre auf; ſo auch in Württemberg, wo ſie aber erſt mit dem 7. Jahre beginnt, alſo nur ſieben
„Fähre umfaßt. Jn Bayern dauert ſie eigentlich nur 6 Jahre, nämlich vom 6. bis 12. Jahre;
ebenſo in einigen Cantonen der Schweiz ; doch beſteht hier außerdem eine dreijährige Ver-
pflihtung zum Beſuche der Fortbildungsſchulen, auch wird die Ausdehnung der Schulpflich-
tigfeit auf volle aht Jahre beabſichtigt.
Schwachſinn iſt ein mittler Grad geiſtiger Verkommenheit. Die Reizempfänglichkeit,
Kräftigkeit und Lebendigkeit der Urvermögen ſind gering, doch nicht, wie beim Blödſinn ſo
weit erlahmt, daß jede Bildungsfähigkeit ausgeſchloſſen wäre; die vorhandenen geiſtigen Ver-
mögen laſſen ſich vielmehr durch zwecentſprechende Uebungen nach und nach kräſtigen wie
Muzskeln und Bänder durch die Gymnaſtik. Cben ſo trägt der Schwachſinnige nicht immer
körperliche Gebrechen an ſich wie- der Cretin; doch leidet er nicht ſelten an Abgeſtumpft=-
heit oder übergroßer Senſibilität der Nerven, Schlaffheit der Muskeln, Schwäche des Ver=
dauungs8ſyſtemes , Scropheln, Rhachitis, mangelhafter Ausbildung einzelner Sinnesorgane
oder Gliedmaßen, wohl auch an Neigung zur Onanie. == Urſachen des Schwachſinnes
ſind dieſelben, wie beim Blödſinne, nur daß ſie weniger verheerend wirkten als bei dieſen.
In der Regel ſind ſie in den eben bezeichneten Mängeln, in unglü>klichen Zufällen, Kin-
derkrankheiten und dergl, zu ſuchen. E3 darf daher bei den mit ſchwachſinnigen Kindern
anzuſtellenden Heilverſuchen der Körper über der Bildung des Geiſtes nicht vergeſſen wer-
den. Kräftigung der leiblichen Functionen, als erſte3 und wichtigſtes Heilmittel, iſt durch
eine den beſonderen Bedürfniſſen des Kindes entſprechende Beköſtigung und Verpflegung,
durch fleißige Bewegung in ſriſcher, freier Luſt, durc) regelmäßige Bäder und dur< das
Turnen zu erſtreben. Leßteres iſt für den Schwachſinnigen das, was für das Leben und Ge-
deihen der Pflanze das bald ſanftere, bald ſtärkere Wehen der Luft iſt, das den Umtrieb
der Säfte vermehrt und manch? ſchädliches Gewürm abſchüttelt. Jm Turngarten verwans-
delt ſich fein ſchleppender Gang in fröhliches Aufſ ſtrahlendes, Aufmerkſamkeit und Muth werden erweckt, Körper und Geiſt erſtarken. =- Ferner
iſt in ſchwachſinnigen Kindern, weil Trübſinn niederdrüct, ſreudige Eindrü>e aber die Em-
pfänglichkeit für pädagogiſche Einwirkung vermehren, ſo oft als möglich das Gefühl der
Freude zu erregen, in8beſondere durch Muſik, Geſang und Spiele, welche nach Fröbel*ſcher
Weiſe zu leiten ſind; denn nicht Genüſſe, ſondern Spiele und Thätigkeiten erhalten das
Kind heiter. =- Endlich iſt auch darauf, daß eine angemeſſene Beſchäſtigung der Schwach-
ſinnigen möglichſt ſelten Unterbrechung erleide, zu halten; denn dumpfes Hinbrüten, wozu
ſie geneigt ſind, verſchlimmert den krankhaften Seelenzuſtand. = Bei den mit ſc nigen Kindern anzuſtellenden Unterrichtsverſjuchen iſt nicht die Anlernung gewiſſer Fertig

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