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auch nahſpricht , warme Freunde finden können: Etliche Viertelſtunden der erſten Schul=
zeit auf derartige Sprechübungen verwendet, würden in vielen Fällen im Stande ſein, die
Schwierigkeiten des Leſeunterrichte8 ebenſo wie ſeine Dauer zu vermindern.
Sprichwort, Wie die Sage die epiſche Volk3dichtung repräſentirt, das Volkslied die
lyriſche, jo das Sprichwort die "didactiſche. Sailer in ſeiner Sprichwörterſammlung „Die
WeiSheit auf der Gaſſe" ſagt: „Das Sprichwort giebt Lehren, deren Wahrheit plößlich
trifft, deren Gewißheit ſchnell einleuchtet, deren innewohnende Klarheit alle weitere Erklärung
Überflüſſig macht, deren Anwendbarkeit ſo kunſtlo8 als ausgebreitet iſt." Und Wilhelm Grimm:
„Das e ihm bricht eine längſt empfundene Wahrheit blßartig hervor und findet den höheren Aus=
dru> von ſelbſt. Welche Kraft hat ein glückliches Bild , + es kann mild und ernſt ſein,
zierlich und wißig, aber e8 kann auch wie ein Schwert ſcharf einſchneiden. Dieſe Erhebung
des Gedankens in eine reinere Luft ſichert dem Sprichwort inneren Gehalt, weite Verbrei-
tung und Geltung durch Jahrhunderte, Es iſt, wenn man will, eine freiere und kühnere,
dem ganzen Volke verſtändliche Sprache, deren Gebrauch eine geiſtige Belebung voraus
jeht." Die deutſchen Sprichwörter find keineswegs nur Moralprediger , fie ſind vielmehr
ein getreues Abbild des Volksgeiſtes mit all? ſeinen Vorzügen und Schwächen. Freilich
weiß man manchmal ſelbſt nicht recht, ob man etwa8 zu den Vorzügen oder zu den
Schwächen rechnen ſoll, ſo in einzelnen Fällen die deutſche Geradheit, die zuweilen in
Derbheit oder gar in Grobheit übergeht, ſo den deutſchen Humor, der nicht nur harmloſe
Späße ſich erlaubt, ſondern gar oft das, was ihm unter die Hände kommt, auf die
ſchärfſte Hechel nimmt. Jedenfalls iſt e8 nöthig, daß der Schüler ſein Volk auch von
diejen Seiten kennen lernt, der Lehrer wird dafür zu ſorgen haben, daß dem Schüler die
Grenze des im Leben Erlaubten bewußt wird. Allzu rigorö8 ſollte man dabei allerdings
nicht verfahren ; eine ehrliche Derbheit ſteht dem Deutſchen gewiß beſſer an, als welſche
Feinheit, hinter. der nicht ſelten die Gemeinheit ſich verſte>t hält. Cin gut angebrachtes
fräſtiges Sprichwort wiegt oft an Schlagfertigkeit, an treffender Bezeichnung des zu Be-
zeichnenden, an Ueberzeugungskraft die längſte Rede auf. Die Verfaſſer frommer Tractät-
lein wiſſen, warum ſie ſo oft ihre Salbadereien mit der „Weisheit von der Gaſſe“ würzen,
warum ſie jo gern den volksthümlichen Ausdru> wählen, wenn fie den Leſer bereden
wollen. Das iſt ein nicht zu verachtender. Wink für den Lehrer , bei vem ſoviel darauf
anfommt, furz und treffend zu ſein. Und wäre der Gedanke, den er mit einem Sprich-
worte wiedergiebt, in dem claſſiſchſten Diſtichon ausgeſprochen , in der Volksſchule kann
das Sprichwort doch vielleicht beſſer an ſeinem Plaße ſein, al8 da38 Diſtichon ; wenigſtens
wird es neben dem Diſtichon noch nicht überflüſſig ſein. Es iſt vielleicht im Stande, das
Verſtändniß des Diſtichons mit einem Schlage zu eröffnen, weil es, dem Kreiſe der Leben8-
anſchauung des Volkes entſtammend , dem Anſchauungskreiſe des Volkes am Meiſten ent-
pricht. Die Volksſchule ſollte alſo mit dem Sprichwortſchaße , dieſem köſtlichen Geiſte8ſchaße
des Bolkes , nicht jo karg umgehen, wie fie e8 gewöhnlich thut. Das Leſebuch ſollte auch
hier Gelegenheit bieten , belehrende Blike in das Walten und Schaffen des Volk8geiſtes
thun zu laſſen. Vor Allem aber müßte ſich jeder Lehrer angelegen ſein laſſen , diejenigen
Sprichwörter und ſprichwörtlichen Reden3arten kennen zu lernen und im Unterrichte zu
verükſichtigen, die der Schüler aus dem Hauſe, aus ſeinem Umgange mit in die Schule
bringt. Der Lehrer würde da nicht nur oft im Stande ſein, auf vem kürzeſten Wege das
Verſtändniß irgend eines Gedankens zu vermitteln, er würde auch oft ſich gedrungen fühlen,
ein Sprichwort vom Standpunkte der Sittlichkeit aus beurtheilen zu laſſen, e8 unter die
Herrſchaft ſittlicher Grundſäße zu ſtellen. An Gelegenheit zur Verwendung der Sprich-
wörter kann es in der Volksſchule nicht fehlen. Jede Unterredung mit den Schülern kann
dazu Gelegenheit bieten. Die prägnante Form des Sprichworte38 , das Abgeſchloſſenjein
eines werthvollen Gedankens im kleinſten Rahmen kann das Sprichwort namentlich auch
al3 Beiſpiel bei grammatiſchen Belehrungen geeignet erſcheinen laſſen. Hat man doch be-
reits ganze Beiſpielgrammatiken aus Sprichwörtern zuſammengeſtellt. So 3. B. Herzog
in jeinem ſehr empfehlen8werthen Buche: „Das Sprichwort in der Volksſchule“, Baſel,
Bahnmaier 1868. In demſelben Buche findet der Lehrer auch vortreffliche Muſter für

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