| Stenographie SEE 225
nicht Schnellſchrift. Der Stenograph fertigt in einem gewiſſen Zeitraume der Zeichen
nicht mehr, als Derjenige, der die gewöhnliche Schrift handhabt, in dem gleichen Zeit-
xaume. Aber jedes ſeiner Zeichen bedeutet, beſagt mehr, al8 das gleiche Zeichen , wenn
es in ver gewöhnlichen Schrift vorkommt. Ein einziger Currenthuchſtabe , in ſeine ein»
zelnen Theilzüge aufgelöſt, giebt möglicherweiſe das Material zu mehreren Wörtern für
die ſtenographiſche Schrift. Voi höchſter Wichtigkeit für die Stenographie iſt die Wahl
ihrer Schriftzeichen, bei welcher ſie nicht die Willkür, ſondern die weiſeſte Erwägung walten
läßt. Sie baut die Schrift aus alphabetiſchen Grundzeichen auf =- ſie iſt demnach eine
Laut=, keine Bilder- und Zeichenſchrift = und ſekt dieſe zu Wörtern zuſammen. Dem
Buchſtaben das äußerſte Maß von Kürze und Einfachheit und dem Worte das geringſte
Maß von Buchſtaben, ſo gering, daß es zur ſicheren Erkfennbarmachung des Wortes hin-
reichend iſt, zu geben, und dieſe einzelnen Buchſtaben in leichteſter und flüchtigſter Weiſe
zu verbinden, das ſind die Hauptmittel der Stenographie, bei deren Handhabung ſie ſich
von den Geſehen der Schrift, der Sprach- und der Denkwiſſenſchaft leiten läßt. Steno-
graphie iſt demnach die äußerſte Conſequenz der Ausſcheidung alles Selbſtverſtändlichen
in der Schrift, ausgeführt nach graphiſchen, grammatiſchen und logiſchen Grundſäßen.
Znjoſern iſt ſie eme Wiſſenſchaft. Stenographie wird nicht abgeſehen und einem Lehrer
nachgeahmt, ſondern ſie wird innerlich angeſhaut und ſtudirt, und das Erkannte wird
„durch praftiſche Einübung zur Kunſtfertigkeit ausgebildet. Das Stenographiren iſt zum
allermindeſten Fingerfertigkeit, zumeiſt aber das Ergebniß klaren Erkennens, tüchtiger gram-
matiſcher Kenntniß, ſtiliſtiſcher Gewandtheit und conſequenten Denkens. Hierin iſt die pä-
dagogiſc dere Schulen eingedrungen. Jedem, deſſen Lebens8beruf die Führung der Feder erheiſcht,
injonderheit dem Studirenden, muß die Stenographie willkommen ſein. Sie ſoll ihn nicht
zum Vielſchreiben verführen, ſondern ihm beim Schreiben Muße gewähren, die Handſchrift
ſchonen, das Schreiben mit Ueberlegung fördern und die Sicherheit der Aufzeichnungen er=
höhen. Sie iſt demnach erſt bei einer gewiſſen geiſtigen Neife des Menſchen wahrhaft -
dienlich, Dennoch kann ſchon der zwölfjährige ſprachlich tüchtige Schulknabe ſich ihre Ele-
mente aneignen, um nach mehrjährigem fleißigem Leſen und Screiben der ſtenographiſchen
Schrift und nach gewonnener Weiterbildung ſeiner Einſicht in das Weſen der Stenographie
als Realſchüler, als Seminariſt, al8 Akademiker, als Gymnaſiaſt, al8 Student den beſten
Gewinn für ſein Studium von ihr zu ziehen. Die Darbietung der Gelegenheit zur Er-
lernung der Stenographie für ſolche Oberclaſſenſchüler der Volksſchulen, welche eine höhere
Bildung anſtreben , die Cinrichſung von Lehreurſen in ven Profeminaren, in denjemgen
Claſſen der Realſchulen und der Gymnaſien, in denen die Schüler zur Conſirmation ge-
langen , die Einrichtung von Fortbildungs8curſen in den nächſthöheren Claſſen ider Real-
ſchulen und Gymnaſien, in den Seminaren und polytechniſchen Schulen iſt als ein Be-
dürfniß der Zeit zu bezeichnen. Wiele erlernen die Stenographie ohne Lehrer mit Be-
nußung guter Lehrbücher, deren Zahl in fortwährendem Wachſen begriffen iſt. Die Ste=-
nographie iſt ein Kind des Bedürfniſſes. Sie iſt bei allen Völkern, die ſie haben, mit dem
parlamentariſchen Leben erwacht. Die Stenographie der alten Römer, die „Tironiſchen No-
ten," wurden zum Zwecke der Aufzeichnung der öffentlichen Reden erſunden, weitergebildet
und gehandhabt. Sie verſchwand im Mittelalter. Ju England erſtand die Stenographie
mit der Einführung der jehigen engliſchen Staatsverfaſſung am Ende dx38 17. Jahrhunderts,
in Frankreich nach der Revolution 1789. Das Beiſpiel der Engländer und Franzoſen
veranlaßte Nebertragungen der engliſch-franzöſiſchen Stenographie-Syſteme auf das Deutſche.
Moſengeil, Horſtig, Nowa>, Winter haben nach dieſer Richtung gearbeitet. Die Einführung
der landſtändiſchen Verfaſſungen in Baden, Württemberg und Bayern veranlaßte die Ents=
ſtehung des Syſtemes von Gabel3berger in München =- ſtarb 1849 =-, des erſten, welches
aus der deutſchen Sprache ſelbſt herau8gewachſen iſt. Gabels8berger*s große8 Lehrbuch jeines
Syſiems erſchien 1834. Im Jahre 1841 trat Stolze in Berlin mit ſeinem Syſteme hervor.
An Bemühungen , neue ſtenographiſche Schriftſyſteme aufzuſtellen, hat e8 in Deutſchland
ſeit einem halben Jahrhundert nicht gefehlt. In nenerer Zeit hat das Syſtem von Arends
Handwörterbuch f. d. Vollsſchullehrer. 2. Bd. 1

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