232 | Strafen, Strafe
Strafe dem Vergehen möglichſt natürlich anzupaſſen habe. Zum Anderen raubt man. den
ZBöglingen leicht alle Luſt zur Arbeit, wenn man dieſelbe allzu häufig als eine Strafe hin-
ſtellt, Mißbrauch muß es auch genannt werden, wenn man, wie dies in Zornesauſwallung
zuweilen geſchieht, die Strafarbeiten nicht genau nach den Kräften der Zöglinge bemißt
und jo durc< zu anhaltende Feſſelung derſelben an den Schreibtiſch und das Studirzimmer
den Pflichten gegen ihr phyſiſches Wohl zu nahe tritt, Uebrigens jei noch) bemerkt, daß
Straſarbeit nicht gleichbedeutend iſt mit Nacharbeiten , ſondern als weſentliches Merkmal
die Nöthigung zur Bewältigung eine8 größeren Maße8 von Stoff in ſich ſaßt, als zur
einfachen Tilgung der vorgekommenen Vernachläſſigung erforderlich geweſen ſein würde.
Strafen, Strafe. „Strafen“ nennt man das gefliſſentliche, abſichtliche Fühlenlaſſen
der verderblichen Folgen des Böſen. Der Saß, daß, wie das Gute ſeiner Natur nach
nur wohlthätig wirkt, jo das Böſe ohne Ausnahme nur üble Folgen haben kann, tritt
im gewöhnlichen Menſchenleben nicht genügend al38 Wahrheit hervor, und darum wird es
nothwendig, ein Gleichgewicht herzuſtellen zwiſchen der ſcheinbaren Unordnung und Ungerech=
tigfeit im gewöhnlichen Leben und der von Gott und ſittlich gebildeten Menſchen gewollten
Ordnung der Gerechtigkeit. Dies iſt der Zwe> der Strafen und der Grund für ihre
Pnentbehrlichfeit in der Erziehung. Die Beſtraſungen ſind beſonder3 da am Plaße, wo
der Crzieher ſich abgewöhnend und heilend zu verhalten hat. Auf ihre Anwendung läßt
jich faſt Alle38 das ohne Au8nahme beziehen, was oben in dem Artikel „Belohnungen“ geſagt
wurde, nur bleibt zu bemerken, daß ſie ſich für die Erziehung noc zeigen als jene und in ihren Folgen im Allgemeinen noch ſegenöreicher wirken. Soll
Lehteres jedoch der Fall ſein, ſo ſind folgende Grundſäße für ihre Anwendung wohl zu
beachten : 1) So lange es noch andere geeignete Mittel giebt, durch welche der Erzieher
jeine Zwecke erreichen kann, hat er von Strafen ganz abzuſehen. 2) Nie können Wirkungen
natürlicher Unfähigkeit und unverſchuldeter Schwäche, ſondern nur Handlungen aus Nach-
läſſigfeit, Leichtſiun und Trägheit, ſowie Wirkungen einer verkehrten Wiſllensrichtung mit
Recht am Kinde beſtraft werden. 3) Strafen ſollen ſo beſchaffen ſein, daß ſie den Sinn
für's Beſſere wecken, warnen und vom Böſen zurückhalten, nie aber Erbitterung gegen den
Erzieher oder auch Mißtrauen gegen die eigene Kraft im Kinde erzeugen , darum ſoll in
ihnen wohl Cruſt, jedoch keine Härte fühlbar ſein. 4) Alle Strafen dürfen nur nach reiflicher
Ueberlegung und Erwägung der einſchlagenden Umſtände, in ruhigem, leidenſchaft8loſem Ge=
müthszuſtande mit völliger Unparteilichkeit ertheilt werden. (Wer Strafen im Zorn oder
gar mit Hohnlächeln und der Miene de3 Triumphe3 vollzieht, zeigt ſich als kalter Tyrann,
während der Erzieher überall das Bedauern hindurchbliken laſſen muß, das ex mit dem
Beſtraften und über die Urſache der Beſtrafung empfindet.) 5) Je ſinnlicher der Menſch
iſt und je mehr er bloß in der Gegenwart und für ſie lebt, alſo je jünger er iſt, deſto
näher der Zeit nach muß ſeinem Fehltritte die Straſe gebracht werden, deſto ſchneller muß
beides auf einander folgen. (Hier iſt daher, weil die natürliche Strafe oft gar lange anf
ſich warten läßt, die Anwendung der ſogenannten willfürlichen Sirafen ganz am Vlaße.)
Allein, je mehr das Kind heranwächſt, deſto mehr muß e3 auch gewöhnt werden, die Folgen
jeiner That bi83 in die ſpäteſte Ferne im Auge zu behalten und zu fürchten. 6) Soll der
Zögling für Strafen nicht zuleßt unempfänglich gemacht werden, ſo dürfen ſie nur ſparſam,
aber dabei wohl in empfindlicher Weiſe vollzogen werden. E38 geht aus dem Geſagten
genugjam hervor, daß der Lehrer eine Auswahl unter den Strafmitteln nöthig hat. Die
am Gewöhnlichſten angewandten Strafen ſind: Ein ernſter, verweiſender Blik, ein Verweis
mit Worten oder Tadel, eine feierliche Rüge als Verſchärfung de8 Tadels, eine angedrohte
Unannehmlichkeit und endlich die eigentliche Beſtrafung, beſtehend in Entziehung des Ange-
nehmen (Verſagen) und Berhängung von geringeren und größeren Schmerzempfindungen.
Dieſe leßteren können ſowohl ſeeliſcher al3 phyſiſcher Natur ſein, je nachdem ſie ſich auf den
Ehrtrieb beziehen (Degradiren u. ſ. w.) oder unter die Rubrik körperlicher Züchtigungen (ſ. d.)
gehören. Jn der Aufeinanderfolge bei Aufzählung dieſer Straſmittel liegt bereits ein Finger-
zeig hinſichtlich ihrer Wahl, doch ſoll damit nicht geſagt werden, daß bei jedem einzelnen
Falle dem Lehrer die Erprobung der ganzen Reihe zur Pflicht zu machen ſei. Körperliche
Züchtigung beiſpiel3weiſe iſt oft das erſte, aber auch da38 lehte anzuwendende Strafmittel.

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