'Strafgewoalt = Strenge 283
Manche Sculgeſehgebungen ſtellen für die Lehrer eigene Straſſtaffeln auf, ſo 3. B. die
jächſiſche, in der die Reihenfolge ſich folgendermaßen geſtaltet : a) Geſchärfte Erinnerungen
und Verweiſe; bd) feierliche Rüge ; 6) öffeniliche Vorhaltung im Beiſein des Localſchulinſpectors
oder bei Prüfungen ; d) Anſchreiben an eine beſondere Tafel; e) Stehen oder Heraustreten=
laſſen in oder außer der Bankreihe ; kt) Hinſtellen an die Wand oder an die Thüre im
Schulzimmer; g) Zurücfeßen in der Claſſe over auf eine beſondere Bank für eine gewiſſe
Zeit ; h) Zurückbehalten und Nacharbeitenlaſſen in der Schule; 1) ſchriftliche Anzeigen an
die Aeltern; k) im äußerſten Falle, und nur nach ſruchtlo8 gebliebener Anwendung der
vorgenannten Mittel, Zufügung körperlichen Schmerzgeſühle3 in angemeſſener und ſehilicher
Weiſe. Aehnlich dieſen finden ſich Strafbeſtimmungen in geſchloſſenen Erziehungsanſtalten
vor, die als ſogenannte Schulſtrafen bei Eintritt gewiſſer Vergehen unabänderlich zu ver-
hängen find. So gewiß ſolche, für den Einzelnen unveränderliche, dem Cötus der Zöglinge
genau bekannte Schulſtrafen auf das ſittliche Verhalten der Zöglinge einen vortheilhaften
Einfluß haben, [o gewiß läßt fich auch Vieles von Wichtigkeit anführen, was gegen ſie
jpricht. In dieſer Beziehung ſagt Niemeyer ganz trefflich: „Wo es ſich um Kleinigkeiten
handelt, an welchen das Herz wenig Theil nimntt, z. B. Vergeßlichkeit, Unordnung u. dergl.,
da iſt gegen ihre Anwendung Nicht8 zu ſagen, allein bei anderen wichtigen Fällen gilt nur
gar zu oft der Saß: „Duo cum facinnt idem, non est idem.“ Das Naturell oder Tem=
perament, die Lebhaftigkeit des Geiſtes, der größere oder geringere Grad der Ehrliebe, der
Empfindlichkeit, die beſondere Lage des Gemüthe8 im Augenblicke der Handlung, die Stim-
mung des Charakters und hundert andere mannigfache Scattirungen der jungen Seele
können hier einen beträchtlichen moraliſchen Unterſchied machen. Daher kann man bei feſt=
ſtehenden Strafen oft die allergrößeſte und ſelbſt für den Charakter gefährlichſte Ungerech-
tigfeit begehen.“ (Anhangsweiſe ſei noch erwähnt, daß Geldſtrafen in der Schule nicht
anzuwenden ſind.)
Straſgewalt, Strafrecht, In dem kleinſten Kreiſe, welcher der Erziehung dient, der
Familie, ſteht das Straſrecht in erſter Linie dem Vater und der Mutter zu. Haben dieſelben
ihre Erzieherpflichten und Erzieherrechte an andere Perſonen übertragen, ſo haben ſie damit
zugleich auch das Strafrecht übergeben. Hierin liegt die natürliche Begründung des
Strafrechtes für Lehrer und Erzieher von Fach. Damit dieſelben jedoch allzeit in den rechten
Schranken verbleiben, ſtellen gewiſſe Schulgeſeße, ſo 3. B. das ſächſ. Schvlgeſeß von 1835
und ebenſo der Entwurf von 1871, beſondere Strafſſtaffeln auf, welche vom einfachen Ver-
weiſe aus bis zur körperlichen Züchtigung gehen. (Die Schulgeſeßgebungen von Baden und
Oeſterreich geſtatten das Recht der körperlichen Züchtigung dem Lehrer nicht.) In geſchloſſenen
Erziehungsanſtalten haben die Vorſteher noch beſondere Strafrechte, welche bis zur gänzlichen
Ausſchließung des Uebelthäters aus dem Cötus der Anſtalt reichen. So lange der Lehrer
in den Schranken des Geſeßes8 bleibt, haben ſelbſt die Aeltern nicht die Befugniſſe, ſich
gewaltſame Eingriffe in die Ausübung dieſes ſeine3 Rechtes zu erlauben, ſondern verfallen
dabei den im Schulgeſeße bezeichneten Strafen. Mißbrauch der Strafgewalt ſeitens des
Lehrers hingegen wird ebenfalls ſtreng geahndet und zwar mit Verweiſen , Geldſtrafen,
Sus8pendirung und im äußerſten Falle ſogar Amtsentſehung. Sowohl die Grundſäße einer
vernünſtigen Pädagogik, als auch die leßtgenannten geſetzlichen Beſtimmungen ſind Mahnung
genug für den Lehrer, ſeine Straſgewalt ſtet8 mit Maß und Milde zu gebrauchen.
Strenge. Unter Strenge verſteht man ein unverrücktes, mit Aufopferung eigenen und
ſremden Wohlbehagens verbundenes, auch die kleinſte Abweichung nicht geſtattende8 Feſt-
halten an einmal angenommenen Grundſäßen. Die Strenge iſt auch dem Erzieher anzu=
empfehlen, und es wird dieſelbe, ſofern die Grundſäße edel und erprobt ſind, zur ſteten
Erfüllung des Pflichtgebotes, zur Annäherung an das Jdeal, zur Tugend führen. Dieſe
Strenge beziehe der Erzieher ſowohl auf ſich ſelbſt, al8 auch auf den Zögling, nur arte
jie in lehterer Hinſicht nie in Härte (f. 5.) und Hartherzigkeit, auch nicht in Pedanti8mus
(f. d.) aus. E38 iſt Erſahrungsſaß, daß ſtrenge Erzieher mehr Anerkennung und Achtung
ihrer Zöglinge , beſonders nachdem dieſelben in's reifere Alter eingetreten ſind, geerntet
haben, als allzu milde, Strenge und Conſequenz fördern nicht nur den allgemeinen Fort-

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