aub. NIESSEN -Vaubſtummenunterriht aa
zu welchen ex feine beſondere Anlage hat, nicht erſpart bleiben. Das vielſeitige Talent "
möge vor bedauerlicher Zerſplitterung gewarnt und auf den hohen Werth der Tüchtigkeit .
in einem einzelnen Ziveige nachdrücklich hingewieſen werden. Den eingebildeten talentvollen
Zögling mache man auf die Verdienſtloſigkeit der natürlichen Begabung, ſowie auf deren Shran=
fen, auf die Talente der Mitzöglinge und auſ die für ihn do< unerreichbaren Leiſtungen -
der (Benie3 auſmerkſam. Der Erzieher bleibe ſich immer bewußt, welch? beſcheidenen An-
theil ex an Wecung des Talente8 habe. Ex freue ſich über die Fortſchritte des von ihm
angeleiteten Talentes mehr wie über eine Naturſchönheit, als über eine verdienſtliche Leiſtung
von jeiner Seite. Ueber die weniger talentvollen, ja „talentloſen“ Zöglinge aber ärgere
er jich nicht und behandle jie mit gleicher Liebe: Damit erwirbt er ſich auch das Recht,
über deren Fortſchritte als über die eigenſten Früchte der Erziehungskunſt ſich von Herzen
und mit gutem Gewiſſen zu freuen.
Taub nennt man Diejenigen, welche nie gehört oder das Gehör verloren haben. --
Erwachſene, welche das Gehör verloren haben, nicht aber die Sprache, ſind inſofern noch
glüdlich daran, als fie dure) Fragen ſich mit Anderen verſtändigen können. Kinder
aber , die früher Gehör und ſomit auch Sprache hatten, verlieren mit dem Gehör auch
nach und nach die Sprache. Dies wird meiſtens geſchehen, wenn die Kinder taub werden,
noch ehe ſie leſen können.
Tanbſtumm ſind Diejenigen, welche nicht hören und darum auch unſere artikulirte
Sprache nicht nachahmen (ſprechen) können. = Taubheit (welche zur Folge: Stummheit
hat) kann von Geburt an vorhanden ſein oder ſpäter durch bösartige Krankheit, z. B.
Scharlachfieber ; oder durch überaus großen Schre> , 3. B. bei Feuer, Hundebiß u. A.
entſtehen. == Jſt die äußere Sinnenwelt dem Blinden wenig oder gar nicht zugänglich, ſo
iſt dem Taubſtummen die Geiſte8welt verſchloſſen. = Welcher Fortſchritt war e8 daher
und welche Wohlthat für die armen Taubſtummen, als ſich Männer aufwarfen, die dieſen
Unglüdlichen :
Taubſiummenuniterricht zu ertheilen anfingen. Was zunächſt das Geſchichtliche anlangt,
jo diene zu allgemeiner Orientirung Folgendes. Das Alterthum achtete aus Unkenntniß und
Mißverſtändniß wenig auf die Taubſtummen. Der griechiſche Philoſoph Ariſtoteles (350
v. Chr.) erflärt: Die Taubſtummen ſind unvernünftige, und von der Geburt aus Taube
für jede Bildung unfähige Weſen. Bei den gebildeten Römern finden wir keine andere
Anjicht. Taubſtumme fanden in den Wellen der Tiber ihren Tod; als aber der Natur-
forſcher Plinius einen Taubſtummen vorführte, der ſich in Künſten auszeichnete, wurde da3
Todesurtheil über Taubſtumme auſgehoben. = Juſtinian's Geſeke beſtimmten : Freie Ver-
waltung der Güter und Abfaſſung eine8 Teſtamentes iſt den T Taubſtummen nicht geſtattet.
Aegypter und Berfer hatten entgegengeſeßt günſtige Meinungen und hielten die Taub=-
ſtummen für vom Himmel beſonders Bevorzugte, we8halb ſie mit Liebe und Sorgſalt
gepflegt und ihnen im Leben beſondere Rechte zugeſtanden wurden ; doch geſchah zu ihrer
Bildung Nichts. In der Türkei hing ihr Schikfal vom Sultan ab. Sie mußten gemeine
Dienſte im Harem verrichten und zuweilen durch Pantomimenſpiel den Sultan ergößen.
Eine andere beſſere Wendung kam über die Unglüclichen dur vergingen 400 Jahre, ohne daß man ihnen beſondere Aufmerkjamkeit widmete, aber ſie
durften wenigſtens leben. Noch Auguſtin (400 n. Chr.) ſpricht im Sinne des Ariſtoteles :
von Geburt aus Taubſtumme können niemal8 Glauben empfangen , Glauben haben; der
Glaube kommt aus der Predigt, -- aus dem, was man hört. (Röm. 10, 17.) Sie
können weder leſen, noch ſchreiben lernen. =- John de Beverley, der Erzbiſchof zu York,
war der Erſte (700 n. Chr.) der den von Auguſtin aufgeſtellten Saß umſtieß. Er ent=-
lodte Töne einem ſtummen Bettler, der lange von ihm beobachtet worden war und wandte
die funſilojeſte, praktiſchſte und natürlichſte Methode an, wie noch jeht in Deutſchland. Er
belehrte diejen Taubſtummen über Geſchichte und Lehre Jeſu. Doch die Sache blieb
unbefannt. Als die erſten Taubſtummenſchulen können wir die Klöſter des Mittelalters
betrachten ; aber hier war die Lautſprache verboten, nur die Geberdenſprache ausgebildet
und die Taubſtummen wurden zu Dienſten verwendet. Beinahe 800 Jahre verſtrichen
Handwörterbuch f, d.. Volksſchullehrer. 2. Bv. 16

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