Univerſalunterricht NER Univerſität 275
bei nicht hinzuzufügen unterlaſſen, daß dann unter Unglaube nicht etwa die Leugnung der -
dur Lehrſüße zu verſtehen iſi. =- Bei Kindern iſt der Unglaube kaum anzutreffen, und in dem
Ipäteren Lebensalter findet er ſich in der Regel nur beim männlichen Geſchlechte. Die
beſte Schußwehr dagegen iſt ein warmer, poſitiver und vom orthodoziſtiſchen Weſen freier
Religion3unterricht. (S, Orihodoxie.)
Univerſalunterricht (enseignement universel) iſt ein von Jacotot (ſ. d.) erfundener
Kunſtausdruk, Mit demſelben bezeichnet er den nach ſeiner Methode ertheilten Unterricht,
1) weil diejer für alle Menſchen paſſe, 2) weil er von allen Menſchen eriheilt werden
könne, auch wenn ſie nicht Lehrer ſind und von der zu lehrenden Sache gar Nichts ver-
ſtehen, 3) weil er ſich für alle Fächer eigne, 4) und hauptſächlich, weil nach dieſer Me-
thode Alles in Einem oder Alles in Allem gelehrt werde. Allen dieſen Behauptungen liegt
etwas Wahres zu Grunde. In gewiſſer Hinſicht ſollte aller Unterricht, namentlich der Ele-
mentarunterric Vebelſtand , daß die Güte des Unterrichtes ſich meiſt nach den Vermögens8umſtänden der
Aeltern richtet. Der von Jacotot angegebene Hauptgrund : „Alle Menſchen hätten von
Natur gleiche Anlagen“, wird dagegen durch die Erfahrung einfach widerlegt. = Daß nach
der Zacotot'ſchen Methode jeder Menſch unterrichten kann , iſt zuzugeben, da hierbei nur
das Auswendiggelernte zu überhören iſt. Daran iſt aber zugleich zu ſehen , daß die Me-
thode, als rein mechaniſch und faſt nur auf das Gedächtniß berechnet, nichts taugt. Daß
jeine Methode auf Alles anwendbar ſei, hat Jacotot nur unvollkommen gezeigt : ſeine Haupts=-
jfücfe waren und blieben die Sprachen. Bis zu einer gewiſſen Grenze iſt ferner zuzugeben,
daß in und mit jedem Fache Alles gelehrt werde. Einmal greifen die einzelnen Zweige
des Wiſſens in einander, Geographie und Geſchichte , Geſchichte und Religion u. ]. w.;
anderjeits werden die nämlichen Geiſteskräfte in Anſpruch genommen, Erkenniniß, Gefühl,
Milde , Phantaſie , Gedächtniß. Doch muß von jedem Unbefangenen eingeräumt werden,
daß auf den höheren Stufen de8 Unterrichtes die einzelnen Zweige immer weiter ausein-
ander gehen, während auf dem beſchränkten Gebiete des Elementarunterrichtes ſich Alles
mit Leichtigkeit um einen Mittelpunkt, das Leſebuch (früher die Bibel), gruppirt. Ebenſo
ergiebt die ſorgfältige Beobachtung , daß durch jedes einzelne Fach das Denken , ſowie die
anderen Geiſte8kräſte, zunächſt vorzug8weiſe nur in einer ganz beſtimmten Richtung beſchäftigt
und ausgebildet werden. So giebt e8 genug Köpfe, welche nur mathematiſch denken können,
in anderen Fächern aber ganz unlogiſch verfahren. Je harmoniſcher ein Menſ< angelegt
iſt == und der Unterſchied der Einzelnen iſt hierin ſehr bedeutend =, deſto mehr werden
die verſchiedenen Zweige ſich gegenſeitig fördern, vorbereiten und durchdringen. Darin iſt
Zacotot unbedingt beizuſtimmen , 'daß , wer ein Fach gründlich verſteht, fich leicht auch in
ein anderes hinein arbeiten kann. Die früheren Gymnaſiaſten, welche faſt nur Latein gez
trieben hatten, ſind das ſchlagendſte Beiſpiel.
Univerſität. Univerſitäten oder Hochſchulen ſind nach ihren Leiſtungen wie nach ihren
Forderungen die höchſten Lehranſtalten de8 Landes. Auf ihnen wird die Geſammtheit
(universitas) der Wiſſenſchaft der lernenden Jugend zum Vortrag gebracht und durch ge=
eignete Uebung überliefert, uud inſofern repräſentirt die Univerſität in der Geſammtheit
jeiner Lehrer die Geſammtheit des Wiſſens überhaupt. Aufgabe der Univerſität iſt aber
auch, die Wiſſenſchaft als ſolche nicht nur zu hüten , ſondern durch ſelbſtändiges Forſchen
der Lehrenden zu erweitern und zu vertiefen, und in dieſer Beziehung berührt ſich ihre
Aufgabe mit der der Akademie (f. d.), nur daß dieſe eine einzelne oder eine Gruppe ver-
wandter Wiſſenſchaften pflegt, während die Univerſität die Geſammtheit der Wiſſenſchaften
zu pflegen als Aufgabe beſiht. Wenn übrigen3 jeht „Univerſität“ durch Geſammtheit der
Wiſſenſchaften (universitas litterarum) erklärt wird, ſo iſt dieſe Erklärung doch jüngerer
Abſtammung und mehr nach deutſcher Auffaſſung, da urſprünglich „Univerſität" nur die
Geſammtheit der Lehrenden und Lernenden (universitas magistrorum et Scholarium) bez
zeichnete, die an einer höheren Lehranſtalt, ſei es eine juriſtiſche , mediciniſche, theologiſche,
philojophijche, nach mittelalterlichem Corporations8geiſte zu einem wiſſenſchaftlichen Lehrganzen,
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