276 - "Unſchuld Unterbrechung
einer Facultät, ſich zuſammenthaten. Die Auffaſſung der „Univerſität" als einer Reprä-
ſentantin der „Geſammtheit der Wiſſenſchaften" gehört in ihrer praktiſchen Durchſührung
nur Deutſchland an. In ihrer Reinheit und Hoheit aufgefaßt, iſt die Univerſität aus=
ſchließlich Pflegerin, Behfiterin und Vermittlerin der Wiſſenſchaft, und wenn ſie auch jeht,
faſt ganz und gar in äußerer Abhängigkeit vom Staate ſieht, dom nicht inſofern eine
Dienerin desſelben, als ſie unr tüchtige Staatsbeamte, Geiſtliche, Juriſten, Aerzte 2e. vor-
zubilden hat. Die Univerſität genießt vollſtändige Lehr= und Lexnfreiheit, d. h. ihre Lehrer
dürfen die wiſſenſhaftlichen Ergebniſſe ihrer gelehrten Forſchungen frei und ungehindert
vortragen, und jede wiſſenſhaftliche Richtung kann fich Geltung verſchaffen , wenn fie nur
nicht mit den Grundſäßen des Staate38 in Conflict geräth. Ebenſo darf der Studirende
frei nach ſeinem Drange und Verlangen die Gegenſtände ſeines Studiums , ihre Reihen-
folge und die Lehrer wählen, und kann nur ſür ein zu abjolvirendes Staats8examen an
beſondere Vorleſungen dem Gegenſtande, doch nicht der Perſon des Lehrer8 nach, gebunden
werden. Die Lehrer der Univerſität werden ihrem Range nach unterſchieden als ordentliche,
außerordentliche Profeſſoren und als Privatdocenten. Die außerordentlichen Profeſſoren
bilden die Uebergangsſtuſe von den Privatdocenten zu den ordentlichen Profeſſoren , die
für beſtimmte Fächer beruſen ſind. An der Spiße der Univerſität ſteht ein Rector , der
mit Zuſtimmung der Regirung aus der Mitte der ordentlichen Profeſſoren gewöhnlich auf
ein Jahr gewählt wird ; ein Prorector da, wo der Landesfürſt, wie in Jena, ſich das Rectorat
für immer vorbehalten hat. Mit dem Rector ober Prorector leitet die allgemeinen Univer-
fiiätgangelegenheiten ein „akademiſcher Senat“, der entweder aus jämmtlichen ordentlichen
Profeſſoren , oder nur einem Theile derſelben beſteht. Cigenthümlich iſt den Univerſitäten
die beſondere Gericht8barkeit, mit Ansnahme für Criminal-Verbrechen, der die Studirenden
unterworfen ſind. =- Als Geburtäsſtätten der Univerſitäten ſind die romaniſchen Staaten
im Mittelalter zu betrachten, und die um's Jahr 1200 gegründete Pariſer Univerſität hat
mehrfach namentlich den deutſchen Univerſitäten al8 Vorbild gedient. Die noch jeht be-
ſtehenden deutſchen Univerſitäten ſind ver Zeit nach in folgender Reihe entſtanden : (Prag
1848), Wien 1365, Heidelberg 1386, Würzburg 1403, Leipzig 1409, Noſto> 1419,
Greiſ8walde 1456, Freiburg im Breisgau 1457, Tübingen 1477, Wittenberg 1502,
(jeit 1817 mit Halle vereinigt) , Marburg 1527, Straßburg 1538 (1872 als deutſche
Univerſität wieder hergeſtellt), König8berg 1544, Jena 1558, Gießen 1607, Kiel 1665,
Inns8bruck 1670, Halle 1694, Breslau 1702, Göttingen 1737, Erlangen 1743, Bonn
1774 (1792 eingegangen, 1818 neu gegründet), Olmüß 1779 (1827), Lemberg 1784,
Berlin 1810, München 1826, Graz 1827.
Unſchuld iſt ein lediglich verneinender Begriff : Abweſenheit von Schuld. Der ſittliche
Werth der bloßen Unſchuld wird ſehr häufig bedeutend überſchäßt. Sittliche Gediegenheit,
edler Charakter ſtehen ungleich höher und ſind weit zuverläſſiger, als die bloße Unj welche der erſten beſten Verſuchung erliegen kann. Mit der Unſchuld de8 Kinde8 iſt e3 auch
nicht jo jehr weit her: C3 war ebenjo irrig vom alten Rationali8mus , jedes Kind von
vornherein als einen Engel, wie von der orthodozen Kirchenlehre, es als einen kleinen
Teufel zu betrachten. Der hohe poetiſche Neiz, welchen die kindliche Unſchuld für den reiſeren,
dur< mande Berirrung hindurchgegangenen Menſchen hat, ſoll damit nicht im Entfernteſten
geleugnet werden. In gewiſſer Hinſicht kann und ſoll das Kind das Vorbild für den erwach-
jenen Menſchen ſein. „Wenn ihr nicht werdet wie die Kindlein, jo könnt ihr nicht in's
Reich Gotte3 eingehen." Gerade der Erzieher und die Erzieherin von tiefem Gemüthe wird
durch den täglichen Anblif der findlichen Unſchuld, den innigen Verkehr mit den reinen,
unverdorbenen Kinderſeelen einen ſteten Antrieb haben, nach gleicher Reinheit zu ſtreben,
zur rechten Kindlichkeit zurückzukehren. Selbſtverſtändlich iſt e8 die heilige Pflicht des Cr=
ziehers , dem Kinde nach Möglichkeit ſeine Unſchuld zu erhalten oder e8 vor allem Böſen
zu bewahren. Doch genügt dies nicht; die Hauptſache iſt, dem Kinde Feſtigkeit im Guten
einzupflanzen, wa38 dur< anhaltende Uebung de8 Willens (fj. d.) im ſittlichen Handeln geſchieht.
Unterbrechung des Unterrichtes findet einmal durch die Ferien (ſ. d.) ſtatt. Außer
dieſen kann ſolche durch verſchiedene örtliche oder allgemeine Feſte (3. B. Friedensfeſt), durch

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