78 Unterricht
ſpricht man von einem formalen und materialen, von einem idealen und realen Unterrichte.
Der Unterſchied zwiſchen formalem und materialem Unterrichte beſteht daxin , daß erſterer
vorzüglich die Entwickelung, Uebung und Vervollkommnung der geiſtigen Anlagen, der leßtere
dagegen ſpeciell die Aneignung beſtimmter Kenntniſſe und Fertigkeiten zum Zwecke hat.
Schwierig iſt die Beantwortung der Frage, ob der formale Unterricht dem maiterialen oder
umgekehrt vorzuziehen ſei. Gewiß iſt, daß ohne gehöriges Lernmaterial der formale Unter-
richt nicht gedeihen fann ; denn es würde dann der geiſtigen Kraft an Gegenſtänden zur
Uebung und Bildung fehlen, anderentheils wird aber auch durch bloß materialen Unter-
richt, durc< Ueberhänfung mit Stoſf die ungeübte Kraft unterdrückt, ſtatt gehoben. Daher
muß ſtets der formale Unterricht mii dem materialen in Verbindung geſeßt werden, wenn
der Lehrer Jeinen Zweck erreichen will. Doch iſt es weit leichter die Bevorzugung des
jormalen Unterrichtes, al8 die des materialen zu begründen. Jener ſeht die Grundlage
der Weiterbildung in und durc< das Leben in die Entwikelung der Kraft und überläßt
es dem Leben, an welchem Stoffe ſich dasſelbe einſt werde fortüben müſſen, während da-
gegen dieſer dieſe Grundlage in der Mitgabe des Materiales ſucht und die Kraft der Ver-
arbeitung vom Leben erwartet; weil diejes Material für verſchiedene Leben3verhältniſſe noth-
wendiger Weiſe verſchieden gebrauc Unterrichtes die fünftigen Leben8verhältniſſe des Zöglinges in Vorausſiht nehmen und an=-
nühernd zu einem beſtimmien Lebens3beruſe vorbilden, wogegen der formelle Unterricht ſeine
Fraſtbildung für alle Lebensverhältniſſe paſſend erklärt. So unterrichtet man 3. B. das
Kind über den menſchlichen Körper material, wenn man ihm nur die verſchiedenen Körper-
theile nennt, die verſchiedenen Arten der Knochen, die verſchiedenen Häute des Auges u. [. w.
bemerkbar macht, formal aber, wenn man das Kind veranlaßt, durch genaue Betrachtung
des Menſchenkörper38 die zwe>mäßige Zuſammenfügung der einzelnen Theile aufzufinden,
dur< Bergleichung mit dem thieriſchen Körper die Vorzüge de3 menſchlichen zu erkennen
und jo den unübertrefflichen Künſtler zu ahnen, der dieſe3 Meiſterwerk zuſammenfügte und
es mit einem denkenden Geiſte ausſtattete; denn auf die lehtere Weiſe ſchärfe ich den Be-
obachtungsblie, rege den Scharfſinn und Forſchung8geiſt an und wecke überhaupt die geiſtigen
Kräſte. Was die Unterſcheidung in idealen und realen Unterricht anlangt, ſo hat ſich jener
hauptjächlich die Herausbildung von Jdeen (die Vernunftbildung), dieſer aber die Bildung
für die Wirklichkeit des Lebens zum Ziele geſeßt. Hinſichtlich der äußeren Leben8verhältniſſe
oder der Art und des Grades des Unterrichtes läßt ſich unterſcheiden allgemeiner und be-
jonderer oder Beruſsunterricht, Elementar=, Volk8ſchul=, Realſchul= und Gymnaſialunterricht.
Ferner wird der Unterricht, welcher in der vom Staate oder von Communen oder von
Privatperſonen gegründeten Schulen ertheilt wird, öffentlicher und der von einem Privat-
lehrer (Hauslehrer) in einzelnen Stunden ertheilte Privat- over hänslicher Unterricht ge-
nannt. =- Soll der Unterricht planmäßig verfahren, ſo bedarf ex leitender Grundſäße,
beſtimmter Unterricht8geſehe. Die Wiſſenſchaft nun, welche die Regeln und Grundſäke für
den Unterricht zujammenſtellt, heißt Didaktik (Unterrichtswiſſenſchaft, Unterrichtskunde).
Dieſelbe läßt ſich theoretiſch und praktiſch auffaſſen, und es bildet ſich dann die eigentliche
Unterrichtslehre und die Unterrichtskunſt (Lehrkunſt). Von großer Bedeutung für den Ex-
jolg des Unterrichtes iſt es, daß der Lehrer mit den didaktiſchen Grundſäßen innig vertraut
iſt und dieſelben richtig anzuwenden weiß. Eingetheilt hat man dieſelben in allgemeine und
bejondere, in poſitive und negative, in ſolche, welche ſich auf den Lehrer, auf den Schüler,
auf die Unterrichtsgegenſtände und auf beſondere Verhältniſſe beziehen. Zn Folgendem geben
wir nun die hauptſächlichſten Grundſäße und Regeln für den Elementarunterricht und zwar
nah) der „Methodik für Elementarlchrer" von M. Ernſt Ludwig Schweißer. Didaktiſche
Regeln, welche a) den Lehrer in8beſondere (ſtreng genommen beziehen ſich auf ihn alle) be-
treffen : 1) Suche den Unterricht3gegenſtand, den du zu behandeln haſt, ganz zu durchdringen,
Dazu verhilft gewiſſenhafte Vorbereitung. 2) Bei der Wiederkehr derſelben Unterrichts-
gegenſtände dur Zu den Miethlingen muß man diejenigen Lehrer rechnen, welche jahraus jahrein, ganz auf
diejelbe Weiſe, in demſelben Umfange, mit derſelben Einſicht ihre Lehrgegenſtände behandeln,

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