282 Unterrichtsplan - Untugend.
mittel beſonder3 in Betracht, Bezüglich des Ganges iſt feſtzuſtellen 1) das Nebeneinander
.der Unterricht8gegenſtände auf den Claſſenſtufen. Keine Ueberbürdung! Möglichſte Concen-
tration des Unterrichtes! 2) Das Nacheinander der Unterrichtsſtoffe in den verſchiedenen
Claſſen. Vertheilung der Materie nac von Raumer (Geſchichte der Pädagogik 111, 148) empfohlene Vorſchlag , einzelne Lehr-
gegenſtände zeitweilig ganz ruhen zu laſſen: („So treibe man in einer beſtimmten Claſſe
ein Jahr lang vierſtündig Naturkunde, in einer folgenden, in welcher die Naturkunde weg-
fiele, Geographie u. f. w.) iſt, wenigſten8 für die Volk8ſchule durc Die ſeeliſchen Gebilde des Kindes ſind nicht ſo kräftig, daß nicht ein längeres Ruhenlaſſen
die Gefahr des Zurücktreten8 in's Unbewußtſein in fich ſchlöſſe. Ueber die Specialiſirung
des Unterricht3plane3s kann es verſchiedene Anſichten geben. In einzelnen Ländern, Pro=-
vinzen iſt der Plan, 3. B. für die zweiclaſſigen Landſhulen, ſo bis in's Einzelne ſeſt-
geſtellt und vorgeſchrieben, daß der Provinzialſchulrath an einem beliebigen Montag-Morgen
nur nach ſeinem Taſchenkalender zu greiſen braucht, um ſagen zu können, ob in den Schulen
zu A--Z in der betreffenden Stunde da8 achte oder neunte Gebot behandelt wird. Das
dürfte des Guten etwas zuviel gethan ſein! Vielmehr ſollte der in einem Miniſterium
oder einer Provinz-Regirung entworfene Normal-Unterricht3plan nur das Weſentliche ent=
balten, die Specialiſirung aber den Lehrkörpern der einzelnen Städte, reſp. Schulen über-
laſſen. Niemals aber ſollte die Indipidualität de38 Lehrer8 der Vollſtändigkeit des Unter-
richl3planes ſo völlig geopfert werden, daß der Lehrer gezwungen wäre, 3. B. eine ſprach-
liche Erſcheinung gerade an dieſem und nicht an jenem Leſeſtü>ke zu entwickeln. Auch auf
den Unterricht3plan muß ſic< da8 Wort Schiller'8 aus der „Glocke“ anwenden laſſen :
„Heil'ge Ordnung, ſegenreiche Himmelstochter, die das Gleiche frei und leicht und freudig
bindet,"
Untügend (Pnart). Sofern man unter Tugend ein Handeln nach den allgemeinen,
ſittlichen Principien verſteht, iſt aller und jeder Verſtoß gegen die Grundſäße unſeres
Moralſyſteme8 als Untugend zu bezeihnen. Im früheſten Jugendalter iſt Erziehung zu
moraliſchem Handeln nichts Anderes, als ein Werk der Gewöhnung; des Kinde8 Tugend
jt demnach fein Product der Ucberzeugung, ſondern vielmehr der äußeren Anſchauung und
der darauf gegründeten Nachahmung. Man ſpricht daher auch ſeltener von tugendhaften
Kindern , als vielmehr von artigen und geſitteten. Verſtöße der Kleinen gegen gute Ge-
wöhnung und Sitte führen demgemäß mit Recht den Namen „Unarten“ ; zu Untugenden
aber werden ſie, wenn ſie ſic bis in's Alter des ſittlichen Bewußtſeins ſortſeken. Die
Unart iſt fein Symptom einer wirklich unſittlichen Neigung und Begehrung, ſondern lediglich
Aeußerung kindlicher, bei dem Mangel feſter, ſittlicher Gebilde noch ſchwankender und daher
zuweilen unſeren Anſchauungen von Moral und Anſtand widerſprechender Triebe. Die
kindlichen Unarten, welche dem Erzieher zumeiſt vor die Augen treten, ſind theils rein
äußerer, theil8 mehr innerer Natur. Zu den erſteren rechnet man das Tändeln, das
Schreien und Toben, Fraßenſchneiden , Ungebührlichkeiten beim Cſſen , Trinken , Gehen,
Stehen, Sißen, im Verkehr mit Anderen u. dergl., zu den zweiten das Nekken, Schmollen,
den Muthwillen aller Art, ungezügelte Aeußerungen des Affectes, ſcherzhaftes Lügen u. |. w.
Wenn nun gleich von allen den genannten Unarten geſagt worden iſt, daß ſie nicht Producte
feſter, unſittlicher Gebilde ſeien, wenn alſo ein gewaltſames, ſtrenges Einſchreiten, eine ernſt-
liche innere Erregung von ſeiten de8 Erzieher3 durchaus nicht am rechten Orte iſt, jo
dürfen Jie denn doch auch nicht gleichgiltig behandelt, oder wohl gar, wenn ſie etwas
Drolliges an ſich haben, gehegt und gepflegt werden. Nie darf dem unartigen Kinde die
rechte; wenn hier und da auch ſtumme Mißbilligung de8 beaufſichtigenden Erziehers ent=
gehen, und ſtets muß die Erfahrung lehren, daß die Artigen den Unarktigen voran=
geſtellt werden. Damit aber die Gewöhnung zu Sitte und Tugend deſto ſchneller vor
fich gehe, ſo laſſe man Kinder nie ohne die gehörige erziehliche Leitung, und da Langeweile
bei fräftigen Naturen Unarten ſehr begünſtigt, ſo ſorge man ſtets für hinreichende Be=
Ihäftiguing von Körper und Geiſt. (Kindergärten und Spielſchulen ſind für die Stände,
welche durch ihre Beruſs8geſhäſte von der Beaufſichtigung ihrer noc Kinder abgezogen werden, eine ſegen3reiche Cinrichtung.) Zſt die Unart zur Untugend ge-

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