286 Verein Verführung
ergänzt oder wiederholt nur einſach, das andere ſchwächt ab, mildert oder eorrigirt- das
Vorausgegangene, Was iſt die Folge? Entweder das Kind wird damit ſo abgequält, daß -
e3 vor ſauter Angſt nicht mehr weiß, wie e8 handeln, was es vollbringen, wohin es ſich
wenden foll oder, was viel häufiger eintritt, die Macht de8 Verbote8 wird derart abge-
ſhwächt, daß das Kind zuleht gar nicht mehr auf den Erzieher achtet und ganz ruhig
troß aller Unterfagungen thut, wa8 es will. Nun iſt noch ein dritter Fall möglich, näms-
lich daß durch gewiſſe vorzeitige oder unweiſe angebrachte Verbote das Kind erſt auf ge-
wiſſe Vergehen aufmerkſam gemacht und zu Sünden gereizt wird, die e8 vorher noc nicht kannte. So ſind beiſpiel3weiſe Kinder durc< unverſtändiges Verbieten erſt auf ſexuelle
Vergehen hingewieſen und zum Verſuchemachen auf dieſem Gebiete angeleitet worden.
Auch mit der Lüge dürfte es ſich hier und da ähnlich verhalten, Betrachten wir das
Verbot von dieſer Seite, ſo müſſen wir entſchieden Niemeyer Wort unterſchreiben : „Sei
ſparjam im BVerbieten ; denn Vieles würde weder in die Ideen, no< in den Willen der
Kinder kommen, wenn ſie nicht erſt dur< ein Verbot darauf aufmerkſam gemacht würden.
Glei al3 daß e8 im Verbieten beſtehe.“ Bei der Sparſamkeit im Verbieten werden ſich leicht
noch folgende Winke beachten laſſen: Verbiete Nichts, was nicht wirklich gegen Anſtand,
Vernunft und die Geſeßbe der Moral verſtößt! (Verbote aus übler Laune oder aus reiner
Bequemlichkeit ſind entſchieden zu mißbilligen.) Dein Verbot ſei kurz und klar! (Lange
Neden ſördern den Gehorſam nicht, auch öffnen ſie dem Widerſtrebenden leicht Hinter-
pförthen zum Entſchlüpfen und Ausreden zur Entſchuldigung.) Das einmal mit Ueber=
legung gegebene Verbot bleibe feſt und unwiderruflich für längere Zeit! (Ein Baum, der
alle Jahre verſeßt wird, wird weder tiefe Wurzeln ſchlagen , noch Früchte tragen.) Das
Verbot werde dem gereiſteren Zöglinge gegenüber ſtet8 in Verbindung gebracht mit dem all=
gemeinen Sittengejeße und dabei auch, ſoweit e8 thunlich iſt, die Wechſelwirkung gezeigt,
in welcher Beſolgung und Uebertretung desſelben mit dem Wohl= oder Uebelbefinden des
einzelnen Menſchen und der menſchlichen Geſellſchaft ſteht. Lebtere8 läßt ſich auch ſchon
dem Kinde begreiflich machen (ſiehe: Lohn, Strafe e2c.).
Verein, pädagogiſcher, |. Conferenzen.
Vereine, als Gründer von Schulen, |. Schulvereine.
Vereinigte Staaten von Nord-Amerika, ſ. Nord-Amerika.
Verfrühung. Heutzutage, wo man auch in der Erziehung und im Unterrichte mit
Dainpfwagengeſchwindigkeit vorwärts ſchreiten möchte, kann nicht dringend genug vor Ver-
jrühung gewarnt und auf das goldene Wort: „Alles zu ſeiner Zeit!" hingewieſen werden,
Will der Lehrer nicht jene8 Fehler8 geziehen ſein, ſo darf er kein Lehrmaterial in eine
Periode verpflanzen, in der die kindliche Kraft noch nicht zur Erfaſſung und Aneignung
de8jelben erſiarkt iſt. So iſt es Verfrühung, wenn man 7-=-1 4jährige Kinder mit ſubli-
zaen kirchlichen Dogmen behelligt, wenn man die Schüler in fremde Erdtheile führt, noch
ehe ſie die Heimath nur einigermaßen gründlich kennen gelernt haben und ihnen die geo-
graphiſchen Borbegriſſe (Flüſſe, Berg, Thal, Cbene 2c.) zur Klarheit gebracht worden ſind,
wen: man mit Decimalbrüchen rechnen läßt, bevor die gemeine Bruchrechnung ſicher geübt
it, wenn man bei Stilübungen Productionen fordert, wo man nur Reproductionen erwarten
kann. Die8 Alles würde dem Entwickelung8gange des kindlichen Geiſle8 zuwider laufen,
und wenn das der Fall iſt, ſei e8 nun hinſichtlich des Stoffe8 an und für ſich, oder hin=-
ſichtlich der Menge oder der Art der Behandlung desſelben, ſo kann man von Treibhaus-
ceultur, von Verfrühung ſprechen. Die Folgen dieſes didaktiſchen Fehler3 ſind gewöhnlich,
daß die Kinder die geiſtige Verdauungskraft verlieren und zu jener Art der Charafter-
Iofigfeit und Gleichgiltigfeit kommen, die man jeßt jo oft an jungen, blaſirten Leuten
beflagt.
Verführung iſt im Allgemeinen diejenige vorſäßliche Handlung, durch welche Jemand
einen Anderen zur Vollbringung eines Vergehens vorbereitet und auleitet. Der Verführer
wirkt namentlich auf dreifache Weiſe auf das Object ſeiner Thätigkeit ein , einmal durch
den Verſtand des zu Verführenden, indem er vermittels ſophiſtiſcher Künſte Ciwas vortheilhaft
darzuſtellen ſich bemüht, was doch unſtatthaft und geſeßwidrig iſt und durch allerhand

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