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geübte verſicht dies nicht, daher auch das Volk8wort kommt: „Kinder und Narren reden
die Wahrheit." Die Verſtellung iſt eine Kunſt und will erlernt ſein, doch ſcheint ihre
Aneignung manchem Menſchen ſehr leicht zu fallen, und ſie findet ſich daher auch ſchon
im RindeSgalter, hier und da ſchon im ſehr frühen. Oſt verſtellen fich ſchon ſehr kleine
Kinder, um Etwas zu erreichen oder von Eimas8 befreit zu werden. Ein kleines, zweijähriges
Kind, dem man bei Huſienanfällen Zuc>kerwerk gab, ſuchte öfter8 fünſtlich Huſten zu er-
zeugen, um ſeinem Gaumen den Genuß der Süßigkeit zuzuführen. Kleine ſechsjährige
Schüler und Schülerinnen ſtellen ſich zuweilen krank, um von der ihnen läſtigen Schule
jen bleiben zu dürſen. Jn dieſen Fällen iſt ſtrenge Ahndung , zunächſt gänzliche Ent-
ziehung der Vortheile, die durch die Verſtellung erlangt werden ſollten, bei Wiederholungen
härtere Strafe am Plaße. Höchſt thöricht und für die Moral des Kindes gefährlich iſt
es, die oſt drolligen Einfälle, Mienen und Geberden, deren ſich das kleine Kind bei ſeinen
erſten Verſuchen in der Verſtellung bedient, zu belachen oder wohl gar den dabei gezeigten
Wiß zu beloben. Die weiteren Mittel, der Verſtellung zu begegnen, fallen mit denen zu-
jammen, die unter „Falſchheit, Heuchelei und Lüge“ näher beleuchtet worden ſind.
Verwahrloſie Kinper ſind ſolche, welche durch Erziehungs8fehler und ſchlimmes Bei-
jpiel frühzeitig auf den Weg des Böſen gerathen ſind. Eigenſinn, Ungehorſam und Uns
gezogenheit, ja jogar Bosheit, Lügen, Fluchen, Faulheit, Stehlen, Unſittlichkeit, körperliche
und geiſtige Verſumpfung ſind die nächſten Begleiter und ſicherſten Kennzeichen vorhandener
Berwahrloſung. Da unter allen Erziehungsſtätten die Familie ein Kind am Nachhaltigſten
zu bilden im Stande iſt, ſo iſt die Verwahrloſung auch in den meiſten Fällen ein Product
ſaljcher oder vernachläſſigter Familienerziehung. Auf dreifache Weiſe kann daſelbſt der
Verwahrloſung in die Hände gearbeitet werden, erſten8 durch Affenliebe und Verhätſchelung
(]. d.), denn das verzogene Kind iſt ſchon faſt verwahrloſt zu nennen, zweitens durc
völlige Vernachläſſigung leiblicher, geiſtiger und ſittlicher Pflege, wobei das Kind aufwächſt
„wie das liebe Vieh“ und ganz ſeinen Eigengelüſten nachhängt oder driſten8 durch directe
und indirecte Berleitung zur Sünde, entweder durch unſittliches Geheiß und Beiſpiel der
Aeltern und Erzieher oder durch harte, ſchlechte Behandlung und Entziehung der noth-
wendigſten Bedürfniſſe, wodurch das Kind unwillkürlich auf ummoraliſche Ausſchreitungen
hingeführt wird. Außer der Familie ſind nicht ſelten Werk- und Fabrifkſtätten, Geſinde-
ſtuben, Tanzböden, abendliche Vergnügungsorte für die oft nur erſt halberwachſene Jugend
beiderlei Geſchlechtes, ja zuweilen ſogar Schule und Penſionsanſtalten, beſonder8 ſolche der
erſteren, in denen eine übelgeleitete und ſchle Brutſtätten der Verwahrloſung. Daß die Verwahrloſung der Jugend nicht in der Abnahme
begriffen iſt, beweiſt hinreichend der immer ſteigende Procentſaß jugendlicher Sünder, welche
in die Beſſerung3= und Zuchtanſtalten alljährlich eingeliefert werden und unter denen ſich
jogar Mörder befinden. Die Mittel, mit denen der Verwahrloſung wirkſam entgegengetreten
werden kann , laſſen. ſich ungefähr in folgenden Säken ausdrücken: 1) Frühe Abhärtung
ver Kinder und Gewöhnung an Entſagung ſtärkt die moraliſche Kraft und hilft die Eigen-
gelüſte dem Geſeze unterordnen. Darum ſollten alle Aeltern jederzeit eine ernſte, wenn
auch zuweilen für ſie und das Kind etwas unbequeme Zucht üben, alle Verhätſchelung
und Berzärtelung ſorgſam meiden, und nie über Unarten, und wenn ſie auch im früheſten
Alter und in der läcerlichſten , beluſtigendſten Form aufträten , lächeln. 2) Müßiggang
erzeugt viele Laſter. Darum ſind die Kinder ſchon von frühe an zur Thätigkeit, womöglich
zu nüßlicher Arbeit zu gewöhnen, nie einſam ſich ſelbſt zu überlaſſen und auch beim Spiele
auſmerkſam zu beobachten. 3) Böſe Geſellſchaften verderben gute Sitten. Aus dieſem
Grunde muß die Erziehung die Kinder vor dem Anſchauen böſer Handlungen, dem Anhören
zweideutiger Reden, vor allen: Dingen aber vor dem Verkehre mit der halberwachſenen
Zugend ungebildeter Volksclaſſen zu bewahren ſuchen. Jn Fabrik- und Werkſtätten, wo
nicht ſtrenge Sittenzucht geübt wird, ſowie auf Tanzböden und ſonſtige nicht genug über=-
wachte Zujammenkunftspläße beider Geſchlechter gehören Kinder nicht. 4) Lügen , Hinter-
gehung, Martern der Thiere, frevelhafte Beſchädigung von Anpflanzungen und alle die
Dinge, welche man ſo häufig unter der Firma „Muthwille“ bedingungslo8 zu entſchuldigen
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