302 Wachſamkeit Wahrhaftigkeit
dadurc< , daß es nicht allein die Wahrnehmung8gabe des Schüler3 übt, ſondern daß es
auch gleichzeitig irgend eine Fertigkeit mit einübt, indem das Vorgemachte ſogleich nah-
geahmt wird, was beſonder3 beim Schreiben, Zeichnen , Sprechen, Singen und Turnen
geſchieht, So beginnt man 3, B, bei den Sprechübumgen, die dem eigentlichen Leſe- und
Screibunterrichte voraus8gehen, mit dem Vorſprechen der Laute, läßt die Kinder die Mund-
bewegungen und Mundjtellungen genau beobachten und fordert ſie dann auf, das Geſehene
und Gehörte nachzuahmen. Die bloße Regel und ſelbſt die umſtändlichſte wörtliche An-
leitung vermag dem Schüler nicht ganz klar und begreiflich zu machen , wie ſo manches
angegriffen werden müſſe ; e3 bleibt dann kein Mittel weiter, als das Anzulernende vor-
zumachen. Nur muß das, was vorgemacht wird, deutlich und vollſtändig ſein; ferner
muß der Lehrer darauf halten, daß die Schüler ihre volle Aufmerkſamkeit auf das Vor-
zumachende richten ; und endlich muß die Nachahmung eine ganz genaue ſein, wenn man
auch anfänglich wird mitunter mit unvollkommeneren Leiſtungen zufrieden ſein müſſen.
28.
Wacchſamfeii des Lehrers. Dieſelbe iſt die halbe Disciplin, inſofern ſie Vieles
zun verhüten vermag. Wiſſen die Schüler aus eigener Erfahrung, daß der Lehrer ein wach=
james Auge über fie jchweiſen läßt, jo wiſſen ſie auch , daß ihm Nichts oder nur ſelten
Eiwa3 entgeht und werden ſich in Folge deſſen ſo viel als nur möglich vor Ueberſchrei-
tungen der Ordnung hüten und werden jo gewöhnt, immer auf ſich ſelbſt zu achten. JInnex-
halb der Schule dringe der Lehrer beſonders auf anſtändiges Siken (ſ. Selbſtbeflec-
118), auf ſtete Anfmerkjamkeit, auf vollſtändige Ruhe, auf höfliches Grüßen bei ſeinem
Eintritt, auf geregeltes Entfernen aus der Schulſtube beim Ende der Schulzeit oder beim
Beginn von Paujen, auf Neinlichkeit der Bücher, Ordnung u. [. w. Nur hüte er ſich
hierbei vor dem Spionirjyſteme, vor dem gefſliſſentlichen Suchen von Fehlern; denn ſie rufen
Mißtrauen gegen den Lehrer und heimliches Weſen hervor. Außerhalb der Schulſtuve ſehe
der Lehrer darauf, daß ſich die Kinder ihre Stiefel oder Schuhe vor Eintritt in das
Schulhaus oder die Schulſtube reinigen , daß ſie geſittet die Schulſtube verlaſſen und ge-
fittet auf dem Schulwege ſich zeigen ; in Aufmerkſamkeit ziehe er auch die Abtritte. Ferner
jorge ex dafür, daß die Schüler ſich ſelbſt überwachen und leiten; denn dadurch verhütet
er das garjtige gegenjeitige Anzeigen (ſ. Angeberei), was ja ſo oft nur aus Schaden-
freude, höchſt ſelten aus ſittlicher Entrüſtung geſchieht. =- Aber nicht nur auf die Schüler,
nein auch auf jich jelbjt hat der Lehrer ſeine Wachſamkeit zu richten, d. h. auf ſeine Klei-
dung, jeine Geberden, ſeine Sprache u. ſ. w. und zwar ſowohl um ſeiner ſelbſt, als um
jeiner Zöglinge willen. (S. Beiſpiel).
Wahlfühigfeitsexumen iſt die Staatsprüfung , die auf Volksſchullehrerſeminaren ge-
bildete Lehrer nach vollbrachter Hülfslehrerzeit ablegen, um ſich das Recht zu erwerben,
als jtändige (ordentliche) Lehrer fungiren zu dürfen. Sie zerfällt in eine theoretiſche und
praftiſche Prüfung.
Wahrhaftigkeit iſt die Wahrheit im ſubjecten (perſönlichen) und zugleich praktiſchen
Sinne, Sie beſteht in der Uebereinſtimmung des Inneren mit dem Aeußeren, in der
Vebereinſtimmung des Denken38 , Fühlens und Wollen8 mit dem Sprechen und Handeln.
Dabei iſt der gewöhnlichere Fall, daß das Aeußere ſcheinbar „beſſer“ al8 das Innere iſt;
doc< giebt es auch Menſchen, die ſich dümmer , gefühlloſer und ſchlechter ſtellen , als ſie
wirklich jind. Der Widerſpruch zwiſchen dem Inneren und den Worten iſt Lüge und
Heuchelei, wovon die religiöſe Heuchelei die ſchlimmſte iſt, wenn etwas Anderes gedacht,
gejühlt und gewolſſt als gejagt wird, hingegen Phraſe und Geſchwäß, wenn den Worten
gar nichts Innerliches entſpricht. Auch die Phraſe und ihre Heilung verdient die ernſteſte
Beachtung. Das gedankenloſe Herjagen mechaniſc< auswendig gelernter Stücke, ſeien es
Sprüche , oder fertige Urtheile über unbekannte Literaturwerke erzeugt und befördert die
Phraje. Der Erzieher iſt verpflichtet, dem gründlich entgegen zu arbeiten, indem er 1) ſelbſt
grundjäßlich feine bloßen Phraſen anwendet, 2) niemals eine Antwort gelten läßt, ſo richtig
diejelbe auch ihrem Inhalte nach ſei, wenn das eintönige Sprechen und die ausdrucksloſe

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