- Winkelſhulen Wiſſenſhoaft 317
Willen8 kann nicht entbehrt werden : Die Vorführung guter Beiſpiele -- die abſchre>kenden
wirken in der Regel gar nicht oder entgegengeſeßt , als ſie ſollen =- ſeht die Anſchauung,
alſo die Erkenntniß voraus. Mit zunehmender Reife iſt auch die Mittheilung und Ein -
prägung guter Grundſäße von immer ſteigendem Werthe. Manche Kinder ſind leichter
von der Erkenntniß aus zu packen: denen iſt das Böſe beſonder8 als das Vernunftwidrige
und im Grunde Thörichte hinzuſiellen ; andere wieder mehr vom Gefühle aus zu faſſen :
denen iſt das Böſe, als das Gefühl = und Herzloſe hinzuſtellen ; noch andere ſind auf
beiderlei Weiſe zugänglich. Nur ein anderer Ausdru> für die Bildung des Willens iſt
„Charakterbildung“; denn Charakter hat in dieſem Falle den Sinn von „ſtetiger feſter
Willen8beſchafſenheit.“ Das Ziel der Willen8bildung iſt ein guter, ein edler Charakter,
und es thut noth, dieſes Ziel feſt in's Auge zu faſſen ; denn „Deutſchland hat eine Ueber-
fülle von Talenten, aber einen Mangel an Charakteren" (Baumgarten).
Winkelſchulen heißen diejenigen Schulen, welche früher neben den Clericalſchulen zum
Unterrichte im Leſen, Schreiben und Rechnen von beliebigen Individuen gehalten wurden.
Sie dürften in Folge der Schulgeſeßgebung in Deutſchland wohl überall verſchwunden ſein.
Wißbegierde und Wiſſenstrieb (vgl. Begierde und Trieb) gehören zu den liebens-
würdigſten Zügen, den ſchönſten Seiten der Jugend, vor Allem der Kindheit. Jedes Kind
iſt ein geborener Philoſoph, ſowie Forſcher auf dem Gebiete der Erfahrung. Freilich ſind
Wißbegierde und Neugierde beim Kinde no< nicht klar geſchieden und können es nicht
jein: denn das Kind weiß no< nicht, was überhaupt oder für es ſelbſt wichtig, was un-
wichtig jei, ebenſo wenig was zu wiſſen ihm paſſend und nühßlich ſei. Gerade durch die
rechte Art, wie die Begierde nach neuen Erkenntniſſen beſriedigt wird, läßt ſich jene Schei-
dung anbahnen, indem die unnüßen Fragen abſichtlich überhört oder ausdrüclich zurück-
gewieſen, die vernünftigen nach Möglichkeit und gern beantwortet werden. Ein Hauptmittel,
den Wiſſenstrieb zu tödten, iſt eine Ueberfütterung mit Wiſſensſtoff, welche über das Ver-
ſtändniß der Kinder hinausgeht. Wohl die Mehrzahl der Schüler auf den Gymnaſien und
Realſchulen ſind der ihnen gebotenen Wiſſensfülle nicht gewachſen; daher die Abſtumpfung
für jpäter, während der Autodidakt ſeine Friſche zu behalten pflegt. Ein Hauptmittel da-
gegen, den Wiſſenstrieb zu erhalten, iſt die gelegentliche Eröffnung von allerlei Perſpectiven
in die Tieſe des Wiſſens. Was bei dem weniger befähigten Schüler Nicht3 jc den begabteren oft für das ganze Lehen an. Je mehr ferner ein Erzieher verſteht, die
Selbſtthätigkeit des Zöglinges in Anſpruch zu nehmen, deſto größer iſt die Freude an der
„Crkenntniß und deſto größer die Luſt zu weiterem Fortſchreiten. =- Es iſt unrecht, den
Kindern alles ſelbſtändige Fragen zu verbieten, aber auch unmöglich, auf jede Querfrage
Rückſicht zu nehmen. Der Tact des Lehrers muß den Mittelweg halten.
Wiſſenſchaft iſt das Ganze oder der Gliedbau (der Organi8mus3, das Syſtem) des
Wiſſens. Wiſſen aber iſt das ſicher wahre Erkennen. Die anderen , tieferen Stufen der
Erkenntniß (fj. d.), das Ahnen, Meinen und Glauben, können wahr ſein, aber ſie brauchen
es nicht: fie können auch falſch ſein. Das Wiſſen muß wahr ſein. Es gehört zum Be=
griſſe des Wiſſens, daß die Einſicht (die Erkenntniß) der Wahrheit und die Nothwendig-
keit oder Sicherheit dieſer Wahrheit vorhanden ſei. Die Sicherheit iſt eine unmittelbare,
wenn das Wiſſen ſich auf Anſchauung (Intuition) gründet, z. B. bei der Selbſterkenntniß
des Z<, oder eine mittelbare, durch den Beweis vermittelte (ſ. beweiſen), wie bei
den meiſten mathematiſchen Säßen, wenn auch im leßteren . Falle die unmittelbare eigene
Anjchauung wünſchenswerth und zur Vervollſtändigung der ſubjectiven Erkenntnißweiſe (nicht
für die objective Sicherheit des Erkannten) nothwendig iſt. Sehr häufig braucht man das
Wort „Wiſſen“, wo eigentlich nur von einem ſehr wahrſcheinlichen Glauben die Rede iſt,
jo in der Geſchichte der Beſchreibung fremder Gegenden und ferner Gegenſtände. Die
menſchliche endliche Wiſſenſchaft iſt nicht nur unvollſtändig, lückenhaft, ſondern ſie iſt auch
zum Theil gar keine „Wiſſenſchaft“, weil mit Jrrthümern vermengt. Die vollkommene
Wiſſenſchaft iſt nur Gottes Eigenthum oder Eigenſchaft, al8 welche ſie mit dem wenig zu-
trefſſenden Namen „Allwiſſenheit" benannt zu werden pflegt. Doch iſt e8 eine Uebertrei-
bung, daß alle menſchliche Wiſſenſchaft nur Stückwerk ſei. Die Ahnung, daß alles Wiſſen
zuſammengehöre, einen Gliedbau bilde , ſpricht ſich namentlich al8 das Forſchen nac

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