Zuchtmittel n Bügellofighit 359.
Über Zucht und Zuchtmittel. =- Bemerkung: Von vielen Seiten klagt man die Gegen-
wart an, daß ſie ſi< durch Zuchtloſigkeit der Jugend auszeichne. Wohl iſt nicht wegzu=-
leugnen, daß der vorherrſchend materielle Sinn, der in ſo vielen Familien herrſcht, das
allgemeine Streben nach Freiheit und Ungebundenheit auch die Neigung mancher Lehrer,
ihre Schule vorzug8weiſe zu einer Pflegeſtätte tieferer wiſſenſchaftlicher Kenntniſſe zu machen,
die Gemüth8= und Charakterbilvung nicht genug zur Geltung kommen läßt und daß unſere
heutigen jocialen Verhältniſſe einen ganz beſonders hohen Grad ſittlihen Halte8 voraus-
jeken, wenn ein zeitweiliges Abweichen vom guten Wege, ein moraliſches Sinken und Fallen
Dex Zugend verhütet werden ſoll, allein jo tief ſtehen unfere Jünglinge und Jungfrauen
entſchieden nicht, daß man ihnen die Zucht und Sitte ihrer Alter8genoſſen aus der Vor»
zeit als unerreicht vorhalten könnte. Es haben vielmehr ſeit den älteſten Zeiten die Sitten=
lehrer und Pädagogen über die Zuchtloſigkeit de8 heranwachſenden Geſchlechte3 gleich ſchwere
Klage erhoben ; wir finden dieſelben bei Horaz ſchon, wie auch in den Schriften eines
Platon und Quintilians, und in den Werken Luther?8 und anderer Männer aus der Re-
jformation3zeit treten uns gleich tieſe Seufzer entgegen, wie aus dem Munde derer unſerer
Mitbürger , welche alles Heil in blinder Verkennung und aus Vorurtheil nur „in der
guten alten Zeit" ſuchen. Niemeyer ſagt in Uebereinſtimmung mit dem Obigen : „E3 giebt
fein Decennium jeit der Reformation, in dem ſich nicht Stimmen erhoben hätten , welche
die Schulen wie Sodom und Gomorra beſchrieben. Daß auch jeßt noc< in vielen Schulen
genug Unweſen übrig, daß offenbar eine liberale Behandlung der Jugend häufig mit einer
Ihlaffen verwechſelt, wie auf Akademien, ſo auf Schulen der heranreifenden ein thörichter
Dünkel von ihren eigenen Lehrern beigebracht und ein ganz verkehrter Freiheitsſinn , ehe
jie die Freiheit zu gebrauchen verſtehen , gewet wird, wer möchte ſo unbekannt mit den
Zeichen der Zeit ſein, um dies zu verfennen ? Aber dennoch wage ich unbedenklich zu be-
haupten, daß die Jugend ſich jeht ebenſo gut regiren läßt al8 vormal8. Sind doch neuer=-
dings j hätte dies ehedem für möglich gehalten ? Dieſem Endurtheile, das die Ehre unſerer Jugend
rettet, muß ſich Jeder anſchließen, der dem Geiſte der Gegenwart gerecht zu werden und
ihn zu würdigen verſteht.
Zuchtmittel, |. Zucht, Dis8ciplin.
Züchtigung, |. körperliche Strafen.
Zügelloſigkeit. Sofern man das Geſet als einen Zaum und Zügel bezeichnen darf,
der vom Böſen abwehrt und zum Guten hinleitet. ſo iſt Zügellofigkeit ein alle Norm und
Geſehmäßigkeit verſc Willkürlichkeit, die kein inneres Geſeß als Richtſchnur des Handelns zum Durchbruche ge-
langen läßt, während jene mehr eine Mißachtung des äußeren Geſeßes zur Schau trägt.
Beide , der willkürlich Handelnde und der Zügelloſe kommen darin überein, daß ſie ein
gejehlich geregeltes Verhalten verſchmähen, nicht aus wirklicher Widerſpenſtigkeit oder aus
Freude an der Uebertretung (vergl. Oppoſition), ſondern aus reiner Bequemlichkeit,
Die fich nur den Einflüſterungen des Augenblike8 hingeben will und aus Mangel an innerer
Kraft, die den momentanen Reizungen von außen nicht zu widerſtehen vermag. Die
Zügelloſigkeit iſt eine Exſcheinung, welche an Individuen aller Lebens8perioden zu Tage
tritt, ſie wird auch ſchon im Kindesalter hier und da bemerkt, und ſie iſt nicht eine Eigen=-
thümlichfeit eines beſonderen Geſchlechtes, wie z. B. die Widerſpenſtigkeit, welche am Knaben
häufiger beobachtet wird als am Mädchen, ſondern ſie iſt in gleicher Aus8dehnung bei
beiden Geſchlechtern vorhanden, Sie iſt naturgemäß eine Feindin aller guten Erziehungs-
erfolge, ſie iſt die Mutter der Leichtfertigkeit , Lüderlichkeit, der Sittenloſigkeit und Ver=-
junfenheit im Allgemeinen, ſie fernzuhalten und zu bekämpfen, muß daher die Aufgabe jedes
gewiſſenhaften Erzieher8 ſein. Die anzuwendenden Mittel liegen ziemlich klax angedeutet
in dem eigentlichen Weſen und dem Urſprunge derſelben. Die Zügelloſigkeit iſt eine Folge
von Schwachheit des Willens und Bequemlichkeitslicbe, daher wird ſie am Beſten verhindert,
erſtens , wenn man ſchon frühzeitig den Willen des Kindes ſtärkt und zwar nicht den
Eigenwilleu, ſondern den durch da3 Sittengeſeß veredelten, und zweiten8, indem man ihm
jhon im frühen Alter mit einer gewiſſen ſpartaniſchen Erziehung auch den partaniſchen
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