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Organiſt heißt der Mann, welchem das Amt anvertraut it, durch ſein Orgelſpiel den
Geſang der Weihe zu geben. Die Hoheit dieſe3 Berufes geht aus dem Werthe und der Bedeutung
des Orgelſpieles für den kleineren Städten iſt das Amt des Organiſten gewöhnlich mit einem Lehramie vereinigt,
in größeren Städten giebt e8 weniyſiens än den Hauptkirchen Organiſten, die ſich lediglich
dieſem Amte zu widmen haben, und an die man de3halb auch höhere künſtleriſche For
derungen zu ſtellen berechtigt iſt.
Orgel. Die Orgel iſt das an Tonmenge, Tonſtärke und Klangverſchiedenheit umfang-
reichſte und reichſte Juſtrument, an Majeſtät und Erhabenheit wird ſie ebenfalls von keinem
anderen erreicht, und de8halb iſt ſie ihrer heiligen Beſtimmung: Der Hebung des lichen Gotte8dienſte8 und der Leitung, namentlich de8 evangeliſchen Kirchengeſanges, geweiht
worden. Die Geſchichte der Orgel, welche nach den älteſten unſicheren und unvollkommenen
Nachrichten bis in die Zeit vor Chriſti Geburt zurückgeht, iſt, wie ſie un3 die allmähliche
Verpollkommnung des heiligen Inſtrumentes vorführt, eine höchſt intereſſante und giebt uns
ein ſchönes Bild menſchlichen Forſchens und Strebens im Dienſte der höchſten Zwe>e, Auch
unjere Zeit hat darin noch keine8wegs abgeſchloſſen , vielmehr legen immer neue Vervoll»
fkommnungen ein ſchönes Zeugniß für gleiche Strebſamfkeit unjerer Orgelbauer ab. Aus jenen
älteſten Nachrichten, welche no mit Gewißheit hervor, daß man ſich bei letzteren des Waſſer8 nur zur Regelung der den
Ton in Pfeifen erzeugenden Luftſtrömung bediente, daß es alſo im leßten Grunde nur Wind-
orgeln waren. Die Abſchaffung dieſer Beihülfe des Waſſer8 geſchah ſchon vom 4. Jahr-
hunderte an, obgleich ſie erſt im 12. Jahrhunderte völlig beſeitigt wurde. Jm 7. Jahr=
hunderte wurden die neuen Jnſtrumente in England, im 8. in Frankreich bekannt; in Deutſch=
land fanden ſie vom 9, Jahrhunderte an Eingang, und es ſtand damit ihre ſofortige Ver-
wendung im Dienſte der Kirche in Verbindung. Von den Deutſchen vor allen anderen
Bölkern, nächſt dieſen von den Niederländern wurde dem Orgelbau große Aufmerkſamkeit
zugewendet, und deutſche Meiſter wurden oft nach Jtalien berufen. Die Vermehrung der
früher auf die Zahl von circa 7 beſchränkten Taſten bis zu mehreren Octaven mit der
Einfügung der Halbtöne geſchah bis zum 14. Jahrhunderte und gingen damit auch andere
mechaniſche Verbeſſerungen z. B. die Einrichtung von zwei Manualen, der Windladen und
Weltenbretter Hand in Hand, ſo daß das frühere „Orgelſchlagen“ ſich in ein Orgelſpielen
verwandelte. Auch die Erfindung des Vedal3 durch einen Deutſchen , Bernhard, der als
Organiſt in Venedig lebte (1440 oder 1470), brachte eine gewaltige Umänderung in der
ganzen techniſchen Behandlung der Orgel hervor und ſtellte ſie in die Reihe der Inſtru-
mente, welche eine künſtleriſche Behandlung zulaſſen. Auf die Höhe aber wurde ſie erſt durch
Verkleinerung der Taſten, Verringerung de8 Falles derſelben, Vermehrung bis zu 4 Oc-
taven und Abſchaffung der unvollkommenen ſogenannten „kurzen Octave“ gebracht, Ende
des 17. Jahrhundert8 geſchah durch Werkmeiſter die Erfindung der gleichſchwebenden Temsz=
peratur, welche es ermöglichte, die Orgel nicht, wie bis dahin, nur in den Tonarten mit
wenig Vorzeichnungen zu benußen, ſondern dem Spieler das ganze Feld unſeres Tonſyſtem
eröffnete. A1l8 der berühmteſte Orgelbauer des 18. Jahrhunderts iſt der große Gottfried Sitber=
mann (T 1753) allgemein bekannt, deſſen Werke, was Fülle, Schönheit und Glanz des
Tones, ſowie Sicherheit des Mechani8mus anlangt, einzig daſtehen. Die Erfindungen und
Verbeſſerungen der neueſten Zeit bezogen ſich beſonders auf Abänderungen im Mechani8mus,
RNogelung des Winde3, Abſchaffung aller früher beliebten, oft unwürdigen Spielereien, in3=
beſondere auch auf Ergänzung des Cre38cendo und Decre8cendo, Die Theile des kunſtvollen
Baues der Orgel anſzuführen liegt außerhalb unſeres Zweckes, und giebt die folgende Lite-
ratur Gelegenheit ſich darüber zu unterrichten. Literatur: F. L. Schubert, „Die Orgel,
ihr Bau, ihre Geſchichte und Behandlung“, Leipzig, Merſeburger, 9 Sgr.; A. G. Ritter,
„Die Kunſt des Orgelſpieles8", 1. Theil, Erfurt, Körner 2 Thlr. ; Derſelbe, „Die Erhaltung
und Stimmung der Orgel," Erfurt, Körner 8 Sgr. ; Richter, „Katechismus der Orgel“,
Leipzig, Weber, 10 Sgr. ; Töpfer, „Die Orgel, Zweck, Beſchaffenheit 2c.", 2 Thlr. ; Seidel,
„Die Orgel und ihr Bau“, 1 Thlr.

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