58 Pädagogik... = Pädagogik, deren Geſchichte
weiſe Erziehungs8wiſſenſchaft, Erziehungslehre nennen ; die praktiſche Pädagogik oder Erziehungs8-
kunſt bezieht ſich auf die Anwendung jener Regeln und Grundſäße und erweiſt ſich al38 Fertig=
keit und Geſchilichkeit, Der wahre Pädagog kann nicht gedacht werden ohne eine völlige
Beherrſ eine3 Pädagogiker3 beanſpruchen. Man hat zu den verſchiedenſten Zeiten Miene gemacht,
der Pädagogik den Namen einer Wiſſenſ ihr an beſtimmten allgemeinen Ausgang3punkten und Grundanſc an feſten, unfehlbar zutreffenden Mitteln zur Erreichung eine8 ebenſo genau bezeichneten Zieles
fehle. Die Pädagogen ſind damit zu mehr oder weniger glüclihen Probirern oder zu Nach-
betern reiner Erfahrungsſäße geſtempelt worden. Allerdings ſpielt in der Erziehung die Ex=
fahrung (ſ. d,) eine bedeutende Rolle, allein dieſer Umſtand benimmt der Pädagogik keines=
weg3 die Wiſſenſchaftlichkeit, ſondern in der planvollen Zuſammenſtellung aller der vorhan=
denen Erfahrungs8ſäße, der an der Hand der Pſychologie betriebenen Auffuchung ihrer Gründe
und Urſachen und den auf gegenſeitige Beziehung dieſer Säße gegründeten Folgerungen be.
ſteht eben das Wiſſenſchaftliche, die Theorie der Pädagogik. Daß dieſe Theorien nicht zu
allen Zeiten ſich gleich geblieben find und daß auch infolge der örtlichen Verhältniſſe nicht
eine allgemeine Theorie der Erziehung für die Bölker des ECrdboden3 möglich iſt, iſt fein
Grund, die Pädagogi? al8 etwa8 Unwiſſenſchaftliches hinzuſtellen. Man redet heutzutage
vielfach von neuerer Pädagogik. Darunter verſteht man die den Peſtalozzi ſchen Jdeen nach=
gehende und auf die neueſten pſychologiſchen Forſchungen (beſonder8 eines Beneke) gegrün=
dete Erziehungsweiſe,. Dieſe neuere unterſcheidet ſich von der älteren ganz beſonder3 durch
die größere Wiſſenſchaftlichkeit ihrer Grundſäße und durch die größere Vollkommenheit ihrer
Methoden, Weiteres []. Erziehung.
Padagogif, deren Geſchichte. Daß Leßktere weſentlich jünger ſei, al8 Erſtere, bedarf
faum eine3 Beweiſes. Das Menſchengeſchlecht hat Stuſen ſeiner Entwickelung durhgemacht,
von welchen un3 jede Kunde fehlt. Jede ſolche Stufe aber kann nur erſtiegen werden mit
Hülfe derjenigen abſichtlichen Einwirkungen auf das heranwachſende Geſchlecht, welche wir
unter dem Namen erziehliche Thätigkeit verſtehen. Jnjofern als außerdem neben der Natur
auh Jieligion, Sitte, Zeitgeiſt u. ]. w. unbewußt auf die Entwidelung des einzelnen Menſchen
wie ganzer Völker Cinfluß ausüben , iſt die Geſchichte der Erziehung , als eines Zweiges
der Culturgeſchichte , nicht ohne Berückſichtigung der übrigen Zweige derſelben zu ſtudiren
und zu ſchreiben. Abgeſehen davon, daß die Geſchichte der Pädagogik nur einige Jahr-
tauſende hinauſreicht, umfaßt ſie bei Weitem nicht die Erziehung aller Völker ; ſie darf einige
unberückſichtigt laſſen, weil ſie, wie die E8kimo*8 nur geringen Antheil an der Culturarbeit
der] Menſchheit genommen haben, andere muß ſie übergehen, weil ihr alle hierher gehörigen
Veberlieferungen fehlen. Der vorhandene Stoff nun läßt ſich ſcheiden in zwei ungleiche Theile :
1) Geſchichte des Erziehung8weſen8 vor Chriſtus: 'A. Die Orientalen; B. Die Griechen
und Römer; 0. Da38 Volk Jörael ; 2) Geſchichte des Erziehung8weſen8 nac< Chriſtus :
A, Bi3 zur Reformation ; B. von Luther bis Peſtalozzi ; C. von Peſtalozzi bis zur Gegen=
wart. 1) Geſchichte des Erziehungöweſen3 vor Chriſtus. A. Die Orientalen:
a. Die Chineſen. Sie liefern uns den Beweis, daß ein Volk eine erreichte Culturſtuſe Jahr-
hunderte ja Jahrtauſende lang innezuhalten vermag. Wir ſtehen damit vor einem Räthſel
der Geſchichte. Vielleicht iſt vor Zeiten einer Beriode reichen Fortſchrittes, hoher geiſtiger
Blüthe , eine Periode relativer Abſpannung gefolgt, in der neue Generationen das Vor-
erreichte nicht zu überklimmen vermochten, der Stolz aber darauf, das vornehmſte Volk der
Mitte zu ſein, war ein wirkſamer Anſporn dazu, den Bildungsſtandpunkt einer großen Zeit
aufrecht zu erhalten. Aus dieſem Streben wurde ein nationales Dogma. Dem Chineſen
ijt da3, allerdings nach vielen Seiten außerordentlich bedeutende Erreichte das Höchſte und
Beſte ; neue Bahnen zu ſuchen in Gewerbe, Kunſt, Wiſſen kann ihm nicht beikommen. So
fann auc) da3 Beſtreben de38 Volke8 nicht darüber hinaus gehen, eine junge Generation
in die oft virtuoſen Leiſtungen des erziehenden Geſchlechtes einzuführen. Um nun jede etwa
jich regende individuelle Selbſtändigkeit des Denkens und Wollens im Keime zu erſticen,
ſind alle bürgerlichen, kirchlichen, ja häuslichen Beziehungen in ſtarre, bis in's Kleinſte gehende
Formen gezwängt, die auch jede Eigenart ertödten müſſen. Dieſe3 Cinverſtändniß der Lebenden

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