Fehlex und Verirrungen im Gange weiblicher Geiſtesbildung. 5387
theil hatten , und die neben dem Spiel der Handpauke (oder der Caſtag-
netten) aus Geſang und Tanz beſtand , hatte einen religiöſen Zwe>d und
diente nur bei feierlichen Gelegenheiten zur Verherrlichung Jehova's , nie-
mals zum bloßen Vergnügen oder zur Wolluſt. Von einer höhern Geiſtes-
bildung*der Mädchen war bei ven Juden zwar nicht die Rede; indeß wur-
den ſie im Geſeße unterrichtet und lernten an der Hand der Mutter die
häuslichen Geſchäfte. Groben geiſtigen Verirrungen waren ſie daher we-
niger ausgeſeßt als die griechiſchen Mädchen. --- Die Hauptgefahren aller
weiblichen Geiſte8bildung ziehen ihre Nahrung aus dem falſch geleiteten oder
vernachläßigten Gefühl und ans einer verbildeten, in Unordnung gerathenen
Phantaſie. Tritt zu ſolchen Fehlern noch eine einſeitige und falſche Nich-
tung des öffentlichen Lehons, dann werden ſie um ſo verderblicher und er-
reihen ihren höchſten Grad , wenn ſie ſich an einen unwahren, oberfläch-
lihen Unterricht anlehnen können. Wird den Mädchen nur ein Firniß von
Wiſſen gegeben, iſt in ihren Kenntniſſen kein Zuſammenhang, will man ſie
auf eine bewunderte Stufe ſtellen, ohne daß ein feſter Boden unter ihnen
iſt, will man ihren Geiſt ſchnell, wie eine Treibhanspflanze, zum Wachijen
hringen, dann werden ſie tjich mit dem Schein begnügen, werden ihren
ganzen Werih in äußerlichen Glanz und in menſchliches Lob jeßen, werden
fich ſelbſt und Andere täuſchen, werden an dem, was ihren eigentlichen Be-
ruf aus8macht, keine Luſt finden, werden in Träumereien und Ueberſpannt-
heiten dahinleben und auf verſchiedene unheilvolle Wege gerathen, wie es
zur Zeit der Reformation geſchehen iſt, wo die Mütter nicht nach ihven
Töchtern ſahen, ihnen Alles zuließen, ſie nicht ſtraften und fie weder züchtig
noch ehrbarlich leben lehrten. (S. Döllinger, die Reformation, Bd. 1.
S. 331.) Die geiſtige Ungebundenheit, zu welcher die Reformation die
Bahn brach, machte ſid nämlich auch auf dem Gebiete der weiblichen
Geiſte3bildung geltend, wie wir an allen jenen Syſtemen ſehen, welche wie
immer mit dem reformatoriſchen Geiſte des ſechszehnten Jahrhunderts zu-
ſammenhängen, der den Schwerpunkt aller Erziehung --- auch der weiblichen,
in das. Subjective, in die menſchliche Weisheit und in die Schätze vieſer
Welt ſetzte. Mit ſeinen auf Maria, das Bild der vollendeten Weiblichkeit
drückenden Lehren hatte er dem weiblichen Geſchlehte das geiſtbildendſte
Mittel entzogen. Mit feinen falſchen Begriffen von Erbſünde, Glauben und
Gnade hat er die einſeitige Auffaſſung der menſchlichen Natur begünſtigt
und dadurc< namentlich dem weiblichen Geiſte eine ihm weniger angemeſſene
Richtung gegeben. Die Baſedow'ſhen Grundſäße über die weibliche Cr-
ziehung laſſen das tiefſte Weſen ganz uncultivirt, und machen das Mädchen
zu einem hohlen Berſtandesmenſchen und zu einer eitlen, gefallſüchtigen
Puppe. Dies ergibt ſich aus folgenden Sätzen Baſedow's : „Eine Perjon
des weiblichen Geſchlechtes iſt am geſchi>teſten, dur< ihre Annehmlichkeit dem
Manne zu gefallen, dur< die Sorgfalt für viel? kleine Bedürfmiſe und
Vergnügungen, und dur< kluge Abwendung vieler kleiner Uebel dem Manne,
ſich ſelbſt und der ganzen Familie ſehr große Dienſte zu leiſten. Sie iſt
eine natürliche Rathgeberin, um des Mannes Uebereilung zu hindern. Sie
iſt unter ver Herrſchaft, folglich muß ſie dieſelbe zu ertragen wiſſen ; ſie ninmt
aber Theil an der Herrſchaft über Kinder, Hansgenoſen und Geſinde, ſie
muß alto auch die Gaben und Tugenden einer häuslichen Regentin beſißen,
Dem entſprechend muß ſie in ihrer Erziehung gewöhnt werden, ihre Perjon
und ihren Umgang angenehm zu machen und zu erhalten; das männliche
Geſchlecht als das zum Vorzuge der Herrſchaft beſtimmte von Jugend auf
anzuſehen ; ſich daſſelbe dur< Sanftmuth, Geduld und Nachgeben geneigt zu
* machen ; die Aufmerkſamkeit auf die Ueinen Angelegenheiten des Hautes
für wichtig zu halten; und endlich die Schamhaſtigkeit und Ehrbarkeit in

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