302 Gouvernante, =- Graſer, Joh. Bapt.
Familie , innig mit der Familie verbunden und doch ſtel8 iſolirt und in
einem Verhältniſſe , das die Laune oder das Schijal jeden Tag auflöſen
kann und einſt ſicher auflöſen wird. Eine ſolche Stellung erfordert mehr
Kraft des Charakters, als die eines Hyſmeiſters, da die Zukunft einer Gou-
vernante in der Regel eine unſichere iſt, und es iſt gewiß ein großes Wagniß,
jein Kind einer ſ jtändigkeit entgegen zu führen. Dazu kommt noch, daß vas Bedürſniß von
Gouvernanten ab-, die Zahl dex Candidatinnen aber zunimmt. Urſache
an dem erſteren Umſtande iſt die Vermehrung dex Venſionate und insbe-
jondere die Vermehrung der höhern T öchterſchulen, welche eine umſaſſen:-
dere Bildung gewähren. Die größere Zahl der Candidatinnen aber drüct
auch auf das Salair und die Anforderungen , welche eine Gouvernante zu
machen berechtigt war. Frankreich und die franzöſiſche Schweiz lieſert eine
Legion in alle Länder , während ſie ſetbſt deren nicht bedürfen. Da das
Franzöſiſc jo werden ſranzöſiſche Demoiſellen immer des Accentes wegen vorgezogen.
England und Rußland haben allerdings bisher viele deutſche Frauenzimmer
verſorgt, aber es kommen jährlich ganze Schiffsladungen voll an. Es be-
ſinne jich alſo jeder Vater und jede Tochter zweimal , bevor ſie ihre Zeit
ver ſchönſten Jugend zur Vorbereitung auf einen undankbaren Beruf ver:
wendet und der eigentlichen Häuslichkeit entfremdet wird. Welche immer
aber vieſe Bahn betreten wollen, die mögen bedenken , daß ſie vor Allem
Entbehren und Entſagen lernen müſſen. Das Entbehren von Manchem,
was Körper und Geiſt gewohnt waren , ergibt ſich oft in den vornehmſten
Häuſern, weil veränderte Tages8oprdnung und veränderte Lebensweiſe ein-
treten. Entſagen aber unter allen Formen iſt das Loo8 des ächten Weibes
überhaupt, vorzüglich aber derer, die auf das Wirken in fremden Familien
angewiejen ſind. Da gilt es denn yor Allem , jede Eigenliebe und alle
Empfindelei zu unterdrücden und durch feſte ſittliche Grundſäße ſich den
mannigfachen Verſuchungen gegenüber ſchon zum Vorans eine Schußmauer
aufzuvauen. Aechte Gottesfurcht und Frömmigkeit, ohne Ehwärmerei oder
Früömmelei vyver vernünſtelnde Vhantajterei, die dem Weibe wohl am we-
nigjten anjteht , iſt auch hier das zarteſte Band , das ſie an ihre Zöglinge
feſſeln, den Wirkuncskreis verfüßen und die vielfältigen Widerwärtigkeiten,
ohne den Muth ſinken zu laſſen, tragen helfen wird. Cltern aber, welche
in der Lage ſind, für ihre Töchter Gouvernanten wählen zu müſſen, haben
um ſo ſorgfältiger bei der Wahl derſelben zu jein, als manche Fehler und
gefährliche Seiten lange verborgen bleiben kön nen, während Inconvenienzen
bei einem Hofmeiſter in der Regel ſich gleich offenbaren, auch Herren un-
umwundener , als Damen, ſich äußern. Die hauptſächlichſten und auffal-
lendſten Fehler ſind natürlich die Geſchwäßigkeit und jene Eitelkeit, die zur
Pußſucht und Koketterie führt, und, während ſie den Töchtern j vieſelben grundſäßlich verdirbt. Eine gottesfür daß ſie an einer liebevollen und frommen Erzieherin eine Verle gefunden
hat und gerne läßt man in wohlhabenden Häuſern ſolche treue Walterinnen
der göttlichen Vorſehung der Familie einverleibt, wenn das Werk der Er-
ziehung auch aufgehört hat... Die Wichtigkeit und den Werth einer jorgfältigen
Gouvernante hat Fenelon anerkannt (de 1 6ducation des nlles. Chap. 13.)
Graſer, Ioh. Baypt., ward am 11. Juli 1766 in Eltman, einem ehe-
mals fürſtlih Würzburgiſchen , jeht bayeriſchen Städtchen geboren. Als
armer Knabe kam er nach Bamberg, wo er im Hauſe einer Baſe ein kärg-
liches Unterkommen fand und Famulus de8 Sohnes eines fürſtlich Bam-
bergiſchen Rathes war, den er, der damaligen abgeſchmadten Sitte gemäß,

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