Kindexſeelſorge, 607
Mitterxmüllex führt dann noch folgende einzelne Züge aus ſeiner
Kinderſeelſorge an. Er ſagt von Wittmann: Um unter den Kindern zu
wirken, ſuchte er ſo viel als möglich ſelbſt Kind zu ſein und zu werden.
Ohne Furcht, jeinem Anſehen zu ſchaden, dehnte er jein Beſtreben, in allen
Aemtern der Knecht Anderer zu ſein, auch auf die Kinder aus, unv dachte
jiet8 auf Mittel, ungehorfame Schüler oder Schülerinnen durch Dienſtlei-
jtungen zu gewinnen, was bei ärmern ſo weit ging, daß er ſie vereinigte,
Heidete, jpeiſte u. |. w. Ungeſittete Kinder wollte er mit derſelben Liebe
behandeln und ſtrafen, mit der er ſie heimſuchen würde, wenn ſie krank
darnieder lägen, und überhaupt war dies ſein Bemühen , jedes Schulkind
jo zu lieben, als wenn es auf dem Todbette wäre und er es für den Him-
mel gewinnen müßte. Dem Satan in den Schulkindern wollte er nicht mit
Zorn und Schlägen widerſtehen, ſondern mit Gebet und Thränen. Die
Sorgfalt, welche er auf die Vorbereitung der Kinder zur Beicht und Com-
munion verwendete, verdient eben ſo große Anerkennung, als die Mühe, die
er ſich gab, die Kleinen recht beten zu lehren und ihnen zu zeigen, wie ſie
jich bei jeder Art gottesdienſtlicher Andachten zu verhalten haben. Auf blöde
Kinder richtete er ſeine Liebe in verdoppeltem Maße. Er nahm ſie auf
ſein Zimmer ſette ſich zu ihnen auf ein ganz niedere3 'Schemelchen, und
jagte ihnen mit unermüdlicher Geduld hundert- und tauſendmal die noth-
wendigſten Begriffe der Religions8- und Tugendlehre vor. Aber nicht bloß
' Geiſtliches wendete er auf, um die Jugend für Zeit und Ewigkeit zu bilden,
er jcheute auch kein zeitliches Opfer zu dieſem Zweeke. Seine Chriſtenlehr-
geſchenke, die er vornehmlich unter die Erſtcommunicanten vertheilte, und
welche mitunter in koſtbaren Krucifixen, Bildern, Roſenkränzen u. dgl. be-
ſtanden , beliefen ſich in manchem Jahre auf 200 fl. Es waren jährlich
einige hundert Kinder, denen er Nahrung, Kleidung und Obdach verſchaffte.
In reifern Jahren brachte er die Knaben bei und Lehre , zahlte das Lehrgeld, und unterließ nicht, ſich mündlich und
Ichriftlich nach ihrem Betragen zu erkundigen. Verunglückte oder ſtarb ein
armes Schulkind, jo ließ er die Geſchichte ſeines Todes dru>en und unter
die Kinder vertheilen , beerdigte es feierlich unter Geſanä der Sc bezahlte ſogar den Vorſänger und hielt eine Lobrede. Wie oft beſorgte ex
KatechiSmen, Evangelien, bibliſche Geſchichten , Lieder, Geſänge , Firmzettel
Uu. dal., was Alles die armen Kinder von ihm umſonſt erhielten. Sv im
Leiblichen wie im Geiſtlichen voll Liebe und Aufopferung für die Kinder,
hatte er in dex That ihve Seelen auf gute Weide geführt und vor dem
keißenden Wolfe bewahrt, ihre Herzen aber unauflöslich au ſich gefettet.
Wir wijjen jchon, daß es nicht Jedem gegeben iſt, ein Wittmann zu ſein;
aber das wird auch nicht verlangt, ſondern man fordert von jedem Seel-
jorger nur ſo viele Liebe zu den Kindern, als die Sicherung ihre3 Seelen-
heiles nothwendig macht. Dieſer Zwe> wird erreicht werden, wenn er
2) die Kinder, im höchſten Sinne des Worte8, als die
Seinigen betrachtet. Nicht als Miethling arbeitet er unter ihnen ; ſie
ſind die Seinigen , oder vielmehr des Herrn, der ihn als ſeinen Stellver-
treter bei ihnen beſtellt hat, und dem er Rechenſchaft über ſie ablegen muß.
Wie man an einem eigenen Kunſtwerke hängt, wie man eine Frucht anſieht,
die man jelbſt gepflanzt hat, wie man auf eine um theuern Preis erkaufte
Sache achtet, wie man ein Depoſitum bewahrt, für das man mit vem Leben
haften muß, jo joll der Seelſorger die ihm anvertraute Kinderheerde an-
jehen, bewahren , auf ſie achten und an ihr hängen. Dieſes ſchöne innige
Verhältniß -- der geiſtlichen Kinder zu ihrem geiſtlichen Vater --- iſt durch
das Beijpiel und den Willen Jeſu zu einem poſitiv verpflichtenden geworden.
Weder der Seelſorger noh die Kinder können oder dürfen ſich diefer Vexr-

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