118 Lehrgang. = Lehrgeiſt,
deſſelben in ven Worten Göthe's enthalten: „Es ſoll nic daß man Schritte thue, die einſt zum Ziele führen, jondern
jeder Schritt ſoll Ziel ſein und als Ziel gelten.“ Cin Lehrer,
der ſich an dieſe Worte hält, wird in der Behandlung des Lehrganges
das Rechte treſſen. '
Lehrgeiſt. Da der Lehrgeiſt vie Seele alles Unterrichtens , folglich
auch aller Lehrpläne , Lehrwege , Lehrformen und Lehrmittel iſt, jo nimmt
er bei der Nachfrage nach der Qualifikation eines Lehrers die erſte Stelle
ein. Dies geht aus ſeinem Begriffe hervor. Das, was der Lehrer aus
ſeiner Verſönlichkeit , aus ſeiner Judividnalität nimmt und in den Lehrſtoſſ
ſowie in das Lehrverfahren überträgt, die Art, wie er das Unterrichts-
Material anſchaut und mit den ihm anhaſtenden geiſtigen Eigenthümlich-
keiten in Verbindung bringt, neunt man den Lehrgeiſt. Nach der Bes-
ſchaffenheit dieſes Geiſtes richtet fich der ganze Unterricht; fein Leben geht
in vas ves leßtern über. Iſt der Lehrer reich an praktiſchem Talente, 10
wird es auch fein Lehren, ſein Erziehen ſein. Seine Anſichten, ſeine Ge-
müthszuſtäude , ſeinen Charakter wird er beim Unterxichte nit nur nicht
verleugnen, ſondern es drängt ihn von innen unwiderſtehlich und meiſt
unbewußt, dies Alles in ſeinem Berufskreiie geltend zu machen. „Zu die
Methode, ver er folgt, in das Akroama , in die Frage, in die Analyſe,
in die Syntheſe, furz in das ganze Unterrichtsweſen wird er ſeinen Geiſt
hineinlegen und e8 wird ihn athmen. Daher kommt es auch, daß ein
Lehrer , der einen tüchtigen Lehrgeiſt beſißt, mit weniger vollkommenen
Lehrmitteln doch ein ſchönes Ziel erreicht, und ein anderer bei mangel-
haftem Lehrgeiſte mit ven beſten Unterrichtsbehelfen gerince Erfolge erzielt.
Es bleibt darum bei dem Worte des Herrn: „Der Geiſt iſt es, der
Leben gibt.“ Auf den Geiſt alfo, in welchem der Lehrer wirtt, kommt
Alles an. Zeige mir dieſen Geiſt, und ich nenne dir die Früchte, die aus
ſeinem Walten hervorgehen; ein ſchlechter Lehrgeiſt wird ſchlechte, ein guter
wird gute Früchte bringen. =- Wann iſt aber der Lehrgeiſt ein
guter zu nennen? Sicherlich vann, wenn vie Erfahrungen des Lehrers
gründliche , ſeine Kenntniſſe gereifte, die Eigenſchaſten ſeines Herzens und
Charakters wahrhaft männliche, edle, zu ſchriftlichen Aufſfäßen, aus ven gewählten Memorirſtüden, aus der Auf-
merkjamkeit, welche der Lehrer der Religion und dem Betragen ſeiner
Schüler ſchenkt, wird ſich abnehmen laßen, weſſen Geiſtes Kind ev iſt.
Behandelt er einige Leſeſtüke aus der Geſchichte, ſo erkennt man augen-
bliälih, ob er geiſtlos oder mit Geiſt verfahre, ob ſeine Gejchichtsan-
ſhauung auf der höheren Geſchicht3einheit beruhe und ob er ſie auf ein
ewiges Geſeß, auf die göttliche Vorſehung und deren Plan gründe, oder
nicht. Der Lehrgeiſt hat den Unterricht nicht nur zu beleben, denn das
kann auch ein verkehrter Lehrgeiſt, ſondern er hat ihm das rechte
Leben einzuhauchen. Das rechte Lehen beſteht aber aus jeuen nähren-
den (bildenden) Kräften, welche nicht aufblähen, ſondern ſtärken und
das geiſtige Wachsthum fördern und alles Schadhafte ausſtoßen. Lehrt
der Lehrer aus dieſem Principe heraus, dann ſpricht aus ihm der rechte
Geiſt, deſſen Werk, weil es nicht bloß der Zeit, ſondern auch der Ewigkeit!
angehört, ein unvergängliches iſt. Es kommt jonach bei der Bildung der
Sculſtand8candidaten nicht ſo ſaſt darauf an, wie groß das Maß dei
Kenntniſſe iſt, die ſie ſich erwerben , als daranf, in welchem Sinne ſi«
dieſelben auffaſſen und den Schülern, die ihnen anvertraut werden, mit
theilen. Man kann hierüber um ſo weniger Zweiſel haben, als es unde
ſtritten feſtſteht, daß das eigene Leben des Lehrers an der Nichtung uni

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