Märchen. 9909 |
Mapheus Vega, ſ. Vega. | |
Märchen. Da3 Wort Marhen, Mähren iſt im 18. Jahrhundert
aufgelommen und iſt die Verkleinerungsform von Märe, Mähre, mittel-
hochd. vas (jelten die) maere, altyoc goth. die meritha. Das goth. Wort bedeutet Kunde, Gerücht; das althochd.
hat eine etwas weitere Bedeutung: Kunde, Gerücht, Ruhm; das mittelhohd.
bezeihnet im weiteſten Sinne Alles, was Einer dem Andern mittheilt,
ſei es mündlich oder Ihriftlich, unmittelbar oder durch einen Dritten, ein-
ſeitig oder im Geſpräche, alfo: 1) Nachricht oder Nachrichten über ein Er-
eigniß; Antwort auf eine Frage; eine Jrrlehre, die ſich verbreitet; etwas
Erdichtetes ; 2) im engern Sinne das, was man allenthalben hört: Gerücht,
Ruf, in welchem Jemand ſteht; 3) (das maere, oder Plural) die meiſtens
rhythmiſch abgeſaßte Erzählung einer denkwürdigen (wahren oder erdichteten)
Begebenheit; die fortlaufende Erzählung einer Reihe wirklicher oder erdich-
tetex Begebenheiten. Heute hat das Wort mitunter noch die alte Bedeutung,
.B. in Schiller's Bürgj entwicelte ſich der Begriff unſeres Märc der findlichen Weltbetrachtung zu faſſen uud uns vorzuführen ſucht, mag
es erzählen von Rieſen und Zwergen, von verzauberten Prinzen und Prin-
zeſſinnen, vom einen Däumerling oder vom ſtigen Wißelipißel 2c. Bei
einer richtigen Auswahl und fparjamen Anwendung hat das Märchen auch
in dex Schule pädagogiſchen Werth. Iu manchen Sammlungen, beſonders
in der von Muſäuns, ſind manc Schwänke jind und für die Kinderwelt nicht paſſen. Den meiſten päda-
gogiſm Heimat, vas Familienleben, ſeine Sorgen, feine Arbeiten, Leiden, Freuden
und Verwidelmnugen zum Mittelpunkt der Darſtellungen gemacht werden.
Der Hauptſegen der Eltern ſind die Kinder, gleichwie für dieſe das elterliche
Haus der Ausgang und Schluß verbleibt. Die Abenteurer treiben ſich in
der Welt umher, um zuleßt zu fühlen, daß es unr ein Glü>, ein Heil gibt:
Elternſegen, Heimat, ſtiller geordneter Fleiß, Väterſitte, Väterglaube, Arbeit
und Gebet, „Alle derntſc Ehrlich) währt am längſten; und die tiefſinnigſten ſind als Jluſtrationen zu
dem Spruche Chriſti zu betrachten : die Erſten werden die Letzten ſein, und vie
Lehzten werden die Erſten jein.“ (B. Gol.) Dagegen müßen wir hier
zweier Abwege gedenken, welche 5. Hermann Kahle (in: Claudius und
Hebel nebſt Gleichzeitigem und Gleichartigem, Berlin 1864. einem ſehr in
Allem, was nicht die katholiſche Kirche betrifft, empfehlenswerthen Werke)
anführt. Der erſte iſt die „weit ergreifende Anwendung, die Profe)ſor
Zillex in Leipzig den Märchen gibt. Es ſollen an demſelben nicht nur
die Sprachübungen vorgenommen. werden, ſondern ſogar die Lehren der
natürlichen Religion gewonnen werden,“ auf denen das höchſte Vorbild
für das menſchliche Leben , das hiſtoriſ ſicher aufgebaut werden kam. „Demgemäß erzählt und beſpricht Ziller
vom Anſange des Schuljahres (Oſtern) bis zu Ünfange ves Kirchenjahres
Märchen und läßt nun die Lebensgeſchic viel Bedenkliches ein ſolches Unternehmen hat, ſieht ver Rationaliſt ein;
dem Katholiken aber und dem gläubigen Proteſtanten iſt ein folcher Unter-
ban des Chriftusglauben abſolut verwerflich. Dagegen theilen wir das
Urtheil ebenfalls nicht, welches Nie>de über das Märchen fällt: „Dieſe
Erzeugniſſe einer tollgewordenen Phantaſie,“ ſagt er, „fragen weder nach
äußerer noch nad innerer Wahrheit. Den Kindern können ſie allerdings
durc< ihre Harlekinſprünge Beluſtigung gewähren ; aber ſie werden ihm auch
durc< das Ungeheuere, Abenteuerliche ihrer Darſtellung Geſchma> und

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