Nation, Nationalcharatter, Nationalerziehung, =- Nationalliteratuv, 391
ohne daß ſie auf einem endgültigen oder doch wenigſtens auf einent zum
Grunde gelegten Urtheile (Saße) beruhen. Ju ver Jiegel iſt die ſo ver-
ſangte nationale Erziehung bloß eine Pflege und ein in das Lebenrufen
ves ſogenannten nationalen Geiſtes d. h. der Vaterlandsliebe und der Be-
geiſterung ſür die vaterländiſche Chre. Eine jolche nationale Erziehung iſt
demnach nur ein Theil der Geſammterziehung , die mit einem unrechten
Namen belegt iſt. Denn die Vaterlandsliebe ſoll nicht nur bei jeder Nation
gepflegt werden, ſondern iſt auch bei allen Nationen vorhanden und es ſind
nur die Unwürdigſten der Nation, die derſelben bar ſind. Das Land, in
vem wir geboren, deſſen Luſt wir athmen , der Boden, wo unſere Wiege
und unjer väterliches Haus ſtand, die Erde, in dem unſere Vorfahren
ruhen und in welchem auch wir dereinſt unſere müden Glieder bergen
werden, die Geſchichte unſerer Väter, die Großthaten unſerer Helden, das
Alles ſind die Bande, die uns ſeſſeln und ſür die wir gerne leben , leiden,
dulden , känpfen , bluten , ſterben. Allein vieſe Erweckung vaterländiſchen
Sinnes (). d. A. Vaterlandsliebe) iſt doh nicht eine nationale Erziehung,
ebenjowenig als die Erziehung zu vaterländiſchen Sitten und die Abwehr
jeder auRändiſchen Nachäfſerei. Dieſes pädagogiſche Moment muß bei jeder
Erziehung ſchwer in das Gewicht ſallen und wir ſind gewiß die lezten,
welche demjelben eine Berechtigung beſtreiten. Inu der Regel verſtehen aber
die Zungendrejher, welche die Jugend und die Eltern bei dei . Schulfeſten
in den Aulen der ſvgenaunten Gelehrtenſchulen zur nationalen Geſinmung
- entſlammen, darunter die proteſtantiſc mation als die That des dentſchen Bolkes im eminenteſten Sinne des3
- Wortes hinſtellen. Wenn aber die Reformation eine deutſche That iſt, ſo iſt
- das treue Feſthalten am Glauben unſerer Väter eine um ſoviel deutſchere
: That, um joviel es edler iſt aufzubanen , als niederzureißen; zu ſammeln,
; als zu zerſtreuen; zu ordnen, als zu verwirren. Iſt dieſe ſo oft breitge-
- ſchlagene Behauptung auch eine in ſich und an ſich umwahre, ſo ijt ſie do<
- ein vollgültiger Beweis dafür, daß, wie oben geſagt wurde, eine nationale
- Erziehung des religidjen Elementes nicht entbehren kann. Nur dur< Ver-
mengung der allgemeinen und der jmd ProteſtantiSmus und in völliger Verwirrung des Begriffs von nationaler
Erziehung kann deßhalb auch die bodenloſe Confuſion, mit der ſich Dr. Karl
Schmidt aus Coburg in der allgemeinen deutſchen Lehrerzeitung 1863.
Rr. 25. über National- Erziehung verbreitete, ihren Erklärung8grund ſinden,
Nationalliteratur. Die Nationalliteratur iſt der Ausdru> des Volks-
geiſtes, denn der Geiſt drüct fich aus in der Sprache, (S, d. A. Mutter-
- ſprache.) Wer alſo die Sprache eines Volkes und den Einfluß, den ſie auf
- das Gemüth ausübt, wer die Denk-, Anſchammgs- und Empfindungsweiſe
: eines Volkes kennen lernen will, der muß deſſen Literatur kennen lernen.
- Dazu gehört das Studium einer gedoppelten Wiſſenſchaft, ver Literatur-
gej) - ven Nachweis Über die geiſtige Entwiälung eines Volkes, inſoweit ſie ſich
aus deſſen jehrijtlihen Denkmälern nachweiſen läßt. Sie zeigt vie erſten
Anfänge, das ſich allmählige Bewußtwerden des Nationalgefühls, die Blüthe,
das Abnehmen, das ſich Wiederheben des Volksgeiſtes, kurz alle Phaſen,
die ein Volk durc ſpiegelt. Zugleich gibt die Literaturgeſ Schriftſteller , ihre Schriften und die Einflüſſe, unter denen ſie ſtanden
(Literaturbiographie) , dann aber auch über die Schi>fale und etwaigen
* Veränderungen ihrer geiſtigen Produkte (Bibliographie). Unter die Literatur-
geſchicßte im Allgemeinen fallen alſo ſämmtliche Schriftſteller einer Nation,

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