392 Nationalliteratus.
ſie mögen was immer für einen Kreis des menſchlichen Wiſſens in Woxrte
dargeſtellt haben. Allein im engeren Sinne des Wortes verſtehen wi
unter Literaturgeſchichte die Geſchichte ver ſogenannten Tlatſiſchen Literatu!
d. h. jene ſchriftitellerijſchen Erzeugniſſe , in denen die „Fülle des JZnhalte
den den Regeln der Kunſt am meiſten entſprechenden Ausdrul geſunde
hat, und ſo verſtehen wir denn unter der Geſchichte der dentjichen National
literatur die Geſchichte jener Geiſte8werke, welche vor allen andern hervor
treten, entweder weil ſie die einzigen ſchriſtlihen Denkmäler ihrer Zeit ſind
poder weil ſich die herrſchende Zeitrichtung in denjelben am getreuſten ausſpricht
oder weil ſie in Bezug auf ven Jnhalt oder die Form oder beides zugleich künſt
leriſc dieſe einzelnen ſchriftlichen Denkmäler ſelbſt cin und jucht fie zum Verſtänd.
niß zu bringen, indem ſie dieſelben einzeln dur verſchiedenen Beziehungen und Geſicht3punkte hervorhebt, unter welche dit
einzelnen Gedanken fallen, Das Alles iſt zwar jehr mühſam und die Auf:
gabe , einen Schrifiſteller in viejer Weije zu erläutern, ſehr ſ auch nothwendig für den, der nicht bloß an der Außenſeite haſten bleiben
will. Dabei müſſen wir gleich bemerken, daß es nicht die einer Nation
ferne Stehenden, alſo döe Fremden, jind, die eine ſolche Kenntniß der
Literatur eines Volkes nöthig haben, wenn ſie den Geiſi und den Charakter
deſſelben kennen lernen wollen , ſondern cs find ebenſogut die Söhne der
eigenen Nation jelbſt, welche ven Geiſt ihres Volkes und ihres Landes aus
dieſen heimathlichen Fundgruben gemeinſchaftlichen Fühlens und Denkens
UNd das Bewußtſein der vaterländijchen Größe in ſich auſnehmen müſſen,
Da38 Alles geſtehen wir unumwunden zuz wir geſtehen zu, daß die Kennt:
niß der Nationalliteratur zur Bildung gehöre. Allein eine andere Frage
iſt, wieviel gehört von der Literaturgeſhichte und rer Literaturkunde in die
Bolks8ſhulen ? Und joll Literaturgejehichte in den Volksichullehrerſeminarien
gelehrt werden? Lüben in Bremen und Schmidt in Gotha haben ſich
1861 auf der allgemeinen deutſchen Lehrerverſammlung in Gera dafür
ausgeſprochen, Schmidt mit jener Lei ihm gewohnten UVeberſchwenglichkeit,
die an Confuſion grenzt; nüchterner Lüben. Lübens Vortrag erſchien 1862
bei Brandſtetter in Leipzig bejonders abgedru>t. Bekanntlich joll nac< den
preußiſchen Regulativen vom 1. October 1854 die ſogenannte klaſſiſche
Literatur von der Privatlectüre der Seminariſien ausgeſchloſſen bleiben.
Davon nahm Lüben Veranlaſjung, um dieje Frage zur Sprache zu bringen.
Wir müſſen geſtehen , daß wir ein jolches Berbot = denn etwas andere8
iſt doh in dieſen Worten nicht enthalten = durc einmal würde man ein ſolches Verbot nicht durchführen können, felbſt wenn
man wollte, anvdrerſeit8 aber iſt nicht abzuſehen , warum die kaſſiſche
Literatur nicht anregender wirken ſollte, als die empfohlenen Spinnſtuben-
geſchichten von Horn und dergleichen. Ja wir ſagen: Wenn auch noch die
Begeiſterung, die das jugendliche Gemüth aus der Pocſie ſchöpft, dem
Seminariſten vorenthalten bleibt und Proſa und VietiSmus das einzige
Futter ſeines Geiſtes ſind, al8dann muß der Schullehrer in dem Elende
des Lebens zum verknöcherten, mißmuthigen Stundenhalter werden. Aber
eine andere Frage iſt die: Soll die Literaturgeſchichte in der Art in den
Sc Hintergrund treten, und welches jollen dieſe Lehrgegenſtände ſein? Lüben
ſtellt nun die Säße auf: 1) Die Literaturkunde ſoll zum Lehrobject erhoben
werden. 2) Soll ſie die Grundlage einer natur- und zeitgemäßen Bildung
in Seminarien ſein, ſo muß jie gründlich und möglichſt um-
faſſend getrieben und daher zu einem Hauptgegenſtand
erhoben werden. 3) Dex Unterricht in der Literaturkunde muß
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