242 Sdheling, Friedrich Wilhelm Joſeph. »
Formen, vielmehr die ewig wechſelnden, in einander Übergehenden Momente
eines ewigen und abſoluten Proceſſes ſind. Zunächſt befindet ſich jede der
beiven Hauptformen in einem ſteten Proceſe, welcher ſie in mehrfachen
Momenten oder Potenzen erſcheinen läßt. Auf ver Naturſeite ſind Dieſe
Potenzen 1) Schwere und Materie, 2) Licht und Bewegung, 3) Organis-
mus und Leben; auf der Geiſtesſeile aber 1) Wahrheit und Wiſjenic 2) Güte und Religion , 3) Schönheit und Kunſt. Sodann jind dieſe beiden
Reihen im Ganzen ebenſo ivieder nur die Momente eines allumfaſſenden
Proceſjes. Folglich iſt Gott näher gerade dieſer Proceß, venn der Proceß
als jolcher iſt vie Zdentität der einzelnen Momente, welche ihn conſtituiren,
Mithin iſt Gott begriffen als das Producirende, welches zugleich " das
Produkt, und als das Produkt, welches zugleich das Producirende iſt, als
das das Sein ſchaffende Weſen des Sein3, welche3 zugleich das Sein, und
als das Seiende, welches zugleich ſein ſchöpferiſches Weſen iſt, oder kurz
als Grund alles Seins, welcher zugleich das Seiende und al8 das Seiende,
welches zugleih der Grund ſeiner „ſelbſt iſt. Damit iſt gleicherweiſe vie
Stayrheit Spinoza'3 wie der Duali8mus Fichte's vermieden und do) Der-
jelbe Gedanke, wie bei dieſen feſtgehalten. Da es ſich aber mit vem Ab-
joluten auf die angegebene Weiſe verhält, ſo wird ſich in der einen wie in der
anderen Form des Abſoluten je ein Punkt bezeichnen laſſen, wo der voll:
ſtändigſte oder adäquateſte Ausdru> zu ſehen iſt, den das Abſolute in dem
Relativen empfangen kann. Dieſer Punkt iſt auf Seite der Naturform der
Vrganiamus, deſſen ausgebildetſte Geſtalt der Menſch ijt, auf Seite der
GeiſtesSjoxm aber die Kunſt. In dem Organi8mus nänmtlich erſcheint am
vollſtändigſten die Natur als Geiſt, das Objective als Subjectives, das
Reale als Jdeales ; in der Kunſt aber erſcheint am vollſtändigſten der Geiſt
als Natur, vas Subjective als Objectives, das Jdeale als Reales, D. h,
ganz kurz: das Abſolute (das unnennbare Eine Sein) erſcheint in unend-
licher Cvolution befindlich, in unendlich vielen Geſtalten; die adäquateſte
diejer Geſtalten iſt die am Ende des Proceſſes ſtehende, der Menſch, und
zwar noc< näher der künſtleriſch ſchaffende Menſch. Daraus jolgt, unter
allem Wirklichſeienden (denn Gott als Gott iſt nicht wirklich, er iſt nur
in dem Einzelnen wirklich) ſei das Höchſte der Menſch, und unter den
Menj jagen muß: Der Menſch iſt Alles, was nicht Menſch iſt, längſt geweſen,
Eines nach dem Andern, und Alles, was nicht Menſch iſt, iſt nichts Anderes
als der noh nicht als Menſch, d. h. noch nicht in adäquater Form ſeiende
Menſch (Kirchenlexikon von Weßer und Welte. Bd. VU). S. 83.). Es
verſteht jich von ſelbſt, daß auch das Chriſtenthum und die gion eine in Folge des ſieten Proceſſes zufällig gewordene Form des
menjchlichen Gottesbewußtſeins iſt, für die e3 ſeither viel bejjere Formen
gibt. Dieſes Syſtem Schelling's hat keinen Antlang gefunden, weil es mit
einem Saße beginnt, der einen Widerſpruch in ſich jelbſt enthält. Wir
jollen durc< Reflexion zum Denken der Vernunft kommen. Der Denkende
muß aber von ſich ſelbſt abſtrahiren. Wenn er aber von ſich ſelbſt ab-
ſtrahirt, wer ſoll dann denken und womit ſoll der Denkproceß vollbracht
iverden ? Iſt die VernunftZnichts Subjectives und nichts Objectives, ſo iſi
ſie nichts Denlende3s und nichts Gedachte3, und anj geht nicht wohl: an, namentlich, wenn man nichts vor jich ſieht. Das Ge-
dachte iſt nur im Gegenſaß zum Denkenden möglich ; vom Denkenden joll
aber abſtrahirt werden. Da die Vernunft aber doch gedacht wird, ſo wird
jie gedacht, und zu gleicher Zeit auch nicht gedacht. Jn dieſer abſoluten
Bernunft vereinigen ſic alle Gegenſäße: Denken und Anſchauen , Unend-
liches und Endliches, Jdeelles und Reelle8, Sein und Nichtſein, Thätiafeit

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