3368 Sentimentalität,
pädagogiſ der Werke Seneca's iſt die von Gronovius, Amſterdam 1672, Cine
gute Ausgabe der Briefe iſt von &. F. Mathiä, Frankjurt 1809,
Sentimentalität. Man verſteht darunter jene Lebhaftigkeit des Gefühls,
durch wel Gegenſtänden der Luſt und Unluſt ſtark gerührt zu werden. Daß eine jolche
Weichheit und Lebendigkeit des Geſühls zu großen Verirrungen führen kann,
liegt auf der Hand. Lin derartiges Gefühl drückt ſehr oft den Verſtand
in den Hintergrund und bereitet ſich dadurch großen Schaden. Der Sen-
timentale überhört auch die Gründe der Religion , um ſeiner Erregtheit zu
jolgen, und es kommt mit ihm häufig jo weit, daß er nur noc< dem An-
ſtoße folgt, welchen jein Wefühl von Schmerz oder Freude empfangen hat.
Wer ſich der Sentimentalität überläßt , bildet ſie in ſich zu einem Extrem,
zu einer wahren Geſfühlskrankheit aus, die um ſo raſcher und nachtheiliger
wirkt, je öſter ihr Nahrung zugeführt wird. Zuleßt wird fie ſich ſelbſt und
Ändern zur Lajt und macht jeden Heilungsverſuch zu Schanden. Kinvcr
von j leicht zur Sentimentalität hin. Es darf bei ihnen nur noh ein Ueberreiz
des GefühlSvermögens hinzutreten, oder ein natürliches Uebergewicht dieſes
Bermögens vorhanden jein, um das Uebel der Sentimentalität jc ſteigern. JIſt es einmal geſeßt, ſo wird der Erzieher ſchwer zu thun haben,
um es wieder auszurotten. Allein an der Ausrottung deſſelben muß er
arbeiten, gelinge jie, oder gelinge ſie ni eincm j regel die, daß man den Körper ſtärke und abhärte ; Beſchränkung der Be-
dürfniſſe , Ordnung und Maß in allen Genüſſen werden abhärtend und
ſtärkend wirken. Wean gewöhne den Zögling daran, Hartes und Unange-
nehnmes zu ertragen ; „der Knabe,“ ſagt Lü > e (Ueber die Erziehung. Braun-
jhweig 1787), „muß an Froſt und Hiße, an Regen und Sonnenſchein ge-
wöhnt werden; denn was joll er einſt mit einem Körper , der alles dieſes
nicht ertragen kann, in dieſex Welt anfangen ?“ Und ſchon die Frau des
Pythagoras (?) jchrieb in ihrem Briefe an die Gubola: „Suche deine Kin-
ver in frühern Jahren abzuhärten , damit ſie nicht Sklaven ſinnlicher Lüſte
werden, nur geizend nach Vergnügen und unfähig zur Arbeit, damit ſie das
Gute auc< mit Aufopferung ihrer Freude einſt erringen lernen. Verzär-
telte Kindex werden allezeit als Männer elende Sklaven ſein.“ Man darf
dabei allerdings die Grenzen der Mäßigung -und Klugheit nicht überſchrei-
ten und muß den Umſtänden weiſe Rückſicht tragen , um bei ſchwächlichen
- Conjſtitutionen nicht mehr zu verderben , al8 man gut macht, E38 müßte
z- B. die bedenklichſien Folgen haben , ohne daß ver beabſichtigte Zwe> er-
reicht würde, wenn man einen verzärtelten Körper über ſeine Kräſte ſorci-
ren wollte. Eben jo bedenklich wäre e8, wenn man dabei raſch und ſprung-
weije verfahren wollte; vielmehr muß auf eine dem Zöglinge faſt unmerk-
lie Weiſe verſahren werden , weil ſonſt ſein Gefühl in no< größere Er-
regtheit verjeßt wird. Aber gewiß iſt, daß wenn bei dieſer Abhärtung vor-
ſichtig, ſtuſenweiſe und conſequent zu Werke gegangen wird, die Sentimen-
talität auch ſtufenweiſe abnimmt. (S. d. A. Abhärtung, körperliche und
geiſtige.) Es verſteht ſich von ſelbſt , daß Alles, was die Sentimentalität
reizen und nähren könnte , ferngehalten werden muß. Liegt ihr Grund
weniger in leiblichen als in geiſtigen Zuſtänden, ſo wird man darauf be-
dacht jein müſſen : 1) daß man die ungünſtigen äußern Einflüſſe abſchnei-
det, namentlim gewiſſe Perſonen , Gegenſtände , Bücher 2c., ſodann 2) daß
man den Berſtand angemeſſen zu beſchäftigen ſucht, ohne darum das Ge-
:

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