440 Temperament,
bloß kennen und ihrer Einſeitigkeit, der Excentricität bewußt werden, ſon-
dern ſie lernen ſich auch gegenjeitig beſ und prüfen. Sie dienen einander zur Anregung und Temperirung , zur
Heilung und Heiligung. Der Sanguiniker mildert durch ſein ſreudiges,
frohſinniges Wejen die düſtern Schatten, welcher das Auge des Melancho!
lifers wie mit einem Trauerflore bede>t. Der Choleriker ſtimmt jeine
Heftigkeit, im Anblicke des ihm gegenüberſtehenden Pflegmatiker8 , etwas
herab, jammelt ſich und wird beſonnencer. So auch umgekchrt : Das Feuer
und die Beharrlichkeit. des Choleriker> regt ven indolentien und kalten
Phlegmatiker wohlthätig auf und ſpornt ihn zur Thätigkeit, wo er unthätig
geblieben wäre. „Endlich“ =- jagt Hirjcher -- „üben die Temperamente
einen Ene gejegneten Cinſluß auf einander vurch die eigenihümliche p ä-
vagogij 3. B. auf gleiche Weije von Seite der Intelligenz wie des Gemüthes; auf
gleiche Weiſe von Seite der Willenskraſt wie der äußern Lebenstüchtigkeit
vor Andern reichlich ausgejtattet, behauptet ein natürliches Uebergewicht;
und, indem er über ſeine Mitmenſ er die untergeordneten Kräfte derſelben an, Jedem zumuthend, was er kann, und
Jeden brauchend, wozu er taugt. Die Menjc tragen in ihrer angebornen Abhängzigkeit die Nöthigung in ſich, den an-
regenden bildenden und beſtimmenden Einſluß der höher begabten zu empfan:-
gen, und ſich demſelben zum Vortheile ihrer jelbſt und des Ganzen zu
fügen.“ Andererſeits unterliegt es ebenjo wenig einem Zweifel, daß das
Berderben, welches die Sünde in die Welt gebrac yeramenten ſim mittheilt, weßhalb ſie einer ſorgfältigen Beachtung und
Leitung von Seite des Erziehers bevürfen. Wie er die Temperaments:-
tugenden zu fördern hat, jo muß ihm anliegen, die Temperament 8-
fehler zu verhüten. Wie mag dies geſchehen ?
Zuerjt überjehe der Erzieher nicht, daß die Temperamente jelten oder
nie ganz rein und unvermiſ zuweilen jeine Schwierigleit hat, herausSzufinden, welc einem Menjchen zuzuſchreiben „habe. Selbſt der große Leibniß wußte von
ſich nicht zu ſagen, welche3 Temperament er beſiße, Allein gerade dieſe
Miſchung dient dazu, die Arbeit ves Erziehers zu erleichtern, der ſich vor
Allem fragt : welches Temperament hat mein Zögling, und in
welcher Mij (janguiniſchen) Temypceramenten, jo wird er im Geſpräche, bei Zurecht-
weiſungen, beim Spiele aufbrauſend und ſchnell reizbar ſich zeigen, aber
bald wieder zur heiiern Stimmung zurüctehren ; ex wird heim Lernen und
bei der Arbeit keine AusSdauer zeigen ; empfänglich für jeden Eindruck, ver-
jpricht er Alles, macht ſchnell gute Vorſäße, vergißt aber balv Vorſäße und
Berjprechen. Oberflächliches Lernen und Gehorchen zeichnet ihn aus, ob-
wohl er momentan willig und gelehrig ſich ſtellt ; er iſt eben leichtblütig,
was faſt joviel als leichtſinnig bedeutet. Zum SHhönſchreiben und zur
Fertigung ſolcher Aufgaben, welche anhaltenden Fleiß und ſtrenges Nach-
denten ſorvern, taugt er nicht3. Dagegen zeigt er ſich andern Kindern ge-
föllig und zu Dienſten bereit. Kinder von diejem Temperamente werden
zwar nicht leiht große Verbrecher, aber auch ſelten große Tugendhelden,
Zur Zügelung deſſelben iſt nothwendig, daß man den Zögling immer mehr
und zwar zuerſt bei jolchen Unterricht8gegenſtänden feſizuhalten fuche, welche
er hevorzugt, um dadurch ſeiner Flatterhaftigkeit und Zerſtreutheit zu
wehren ; man wechsle nicht jhnell mit den Beſchäjtigungen, die man ihm
gibt ; zeigt er Veberdruß an einem Spielzeug, jo gebe man es ihm wieder-
holt, und wenn er es wiedor verj

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