Ueberreizung und Ueberſpannung, = Uebertreibung. 485
yom Jahr 1866. Nro. 10--12. hat dieſe Gefahr umſtändlich gewürdigt,
worauf wir der Kürze halber verweiſen. Nebſt vem dort Geſagten fällt noch
ein Umſtand in die Wagſchale, der diefe Seſahr vergrößert, dieſer nämlich,
daß die ganze Zeit in einem Zuſtande der Ueberreizung und Ueberjpannung
dur< ein Schulen ſich befindet, das ſehr einſeitig wirkt, weil daneben die
Erziehung vernachläßigt wird, in8beſondere die religidſe. Dieſem Umſtande
dürfen mitunter die vielen Verbrechen zugeſchrieben werden, welche heuizu-
tage bei ziemlich jungen Leuten vorkommen. Die Kranken- und Jrrenhäuſer
für Kinder werden nicht mehr lange auf ſic) warten lajſen, wenn der oben-
gedachte Uebelſtand noc< lange anhält, wenigſtens -muß es höchſt auffallen,
daß Krankheits8erſcheinungen, welche ſonſt nur bei jehr reizbaren erwachſenen
Berſonen vorkamen, ſich nun auch im Kreije der Kinder zeigen,
Nebertreibung. Die Uebertreibung iſt ein Fehler, den man dadurch be-
geht, daß man in ſeinen Anſchauungen, Urtheilen und Handlungen über
da8 Maß deſſen hinausgeht, wozu die Wirklichkeit berechtigt. Die Neigung
zu Übertreiben, iſt ſehr vielen Menſchen eigen, und zwar jicherlich nicht jo faſt
deßwegen, weil ſie mehr zur Lüge als zur Wahrheit geneigt ſind, jondern
wohl aus dem meiſt unbewußten, oder do?) nur dunkel geahnten Grunde,
weil die Erſcheinung des Guten nie ſeinem Jdeale und die des Böſen nic
ſeinem Weſen entſpricht. Dieſem Grunde gemäß haben ſie an dem Guten
immer etwas zu bemängeln, an dem Böſen immer etwas zu ſchwärzen; ſie
vergrößern ſofort gerne beides, Daneben gibt es unter ven Hiebhabern der
Uebertreibung auch folc hen , wie 3. B. aus Haß, aus blinder Neigung, aus Gefalltucht, aus
Rechthaberei , aus Tänjhungsfucht , aus eigennüßigen oder ſonſt leiden-
ſchaftlichen Abſichten 26. Unter allen Umſtänden aber iſt vie Uebertreibung
nicht zu billigen, auch jene nicht, wodurch man im Guten zu viel thut und
zu weit geht, weil durch fie ein unſicherer, lediglich ſubjectiver Maßſtab für
das dem Menſc verwerfen , wollen wir ſie ganz bejonders aus der Erziehung und aus der
Schule verbannt wiſſen ; denn auf beiden Gebieten kann ſie nur Unheil
anrichten. Darum haben ſchon die Alien den ganz allgemeinen Saß auf-
geſtellt : „Omne“nimium nocet“ (zu viel ſchadet), Jm Einzelnen iſt dieſer
Saß an verſchiedenen Thematen (Lob und Tadel, Beſtrafungen 2c.), die in
dieſem Werke beſprochen wurden, in ſeiner praktiſchen Bedeutung belenchtei
vorden, ſo daß wir uns hier darauf beſchränken können, die generellen Ge-
jicht8punkte, die dieſer Artikel mit ſich bringt, in Betracht zu ziehen. Die
erſte Regel, welche gegen die Uebertreibung jeder Art aufgeſtellt werden
muß , iſt dieſe: Man halte fich bei den Maßregeln ver Dis-
eiplin, beim Unterrichten, Erzählen und Urtheilen an das
objectiv und veal Gegebene und enthalte jich eigener Zu-
ihaten, welche am Weſen ver Sache etwas ändern könnten.
Dies gilt ganz beſonder38 von den religiöſen Dingen, wo jede Uebertreibung
zur Untreue gegen die Wahrheit wird und unberechenbaren Schaden an-
richtet. Nicht einmal bei den kleinſten Kindern darf etwas gejagt werden,
was ihnen ſpäter als übertrieben erſcheinen müßte. Die zweite Negel
verlangt , daß man, um Uebertreibungen zu vermeiden, eine genaue
Kenntniß des objectiv- und real-Gegebenen ſich verſchaffe, denn
ſie macht jede Vebertreihung überflüſſig ; häufig iſt Unwiſſenheit und jc hafte Oberflächlichkeit ver Grund, der, nebſt den bereits berührten Gründen,
zur Uebertreibung verleitet, Drittens müſſen Erzieher und Lehrer ni e-
mals ihre erregte Phantaſie fragen, wenn es jich ihren Zöglin-
gen und Schülern gegenüber mm etwas handelt, wovon dieſe eine richtige

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