Vincenz von Beauvais. 573
Vincenz von Veauvais, Von dieſem größten Gelehrten des Mittelalters
wiſſen wir weder wann er geboren wurde, nog wo er herſtammte, noh
wann er ſtarb. Mit Sicherheit wiſſen wir nur, daß er dem Predigerorden
angehörte, im Kloſter ſeines Ordens zu Beauvais (Departement ODije) lebte
und daher ſeinen Beinamen Bellovacensis erhielt. Er ſoll unter der Re-
;exung des Königs Philipp Auguſt (1180---1123) naß Paris gekommen
ſein, dort ſtudirt und dem eben ſich ausbreitenden Dominicanerorden ſich
angeſchloſſen haben. 1127 ſoll derſelbe nac< Beauvais geſandt worden
ſein, um ein Kloſter ſeines Ordens zu errichten. Berühmt wegen jeiner
immenſen Gelehrſamkeit wurde er von Ludwig 1X. dem Heiligen nach
Royaumont berufen, wo er ſich gerne aufhielt. Vincenz folgte dem
jRufe und hielt, wie es ſcheint, wiſſenſchaftlihe Vorträge am Hofe Ludwigs;
daneben führte er die Auſſicht über die Erziehung der königlichen Kinder,
und war zugleich Hofprediger. Sein Wirkungskreis war ſo ausgedehnt,
vaß ſich Vincenz darüber beſchwert, er werde von ſeiner Scriftſtellerei ab-
gehalten, was aber keiner glauben wird, der den Umfang jeiner Werke
fennt. Wahrſcheinlich lebte er bis 1264. Sein Hauptwerk iſt das Specu-
jum Majus oder der größere Spiegel. Es qab damals nämlich ein ilei-
neres Werk, das aher verloren gegangen iſt, welches den Titel führte :
Speculum Seu imago mundi (Bild der Welt). Vincenz erklärt, er habe
ven Namen „Spiegel“ dem Werke deßhalb gegeben, weil in demjelben
Alles enthalten iſt, was nur auch in der ſichtbaren Welt ſowohl als in der
unſichtbaren der Betrachtung (8peculatione) , der Bewunderung und der
Rachahmung würdig ſei, und zwar nicht nur von dem, was von Anfang
dex Welt bis auf feine Zeit geſchehen fei, ſondern auch was, nach dem
Ausſpruche der heiligen Schrift, noc< geſchehen werde. Dies habe er aus
faſt unzähligen Büchern ausgezogen und kurz zuſammengeſtellt. Dieſes
furze Buch würde nach Vogels Meinung, ſo wie jeht gedrut wird, etwa
fünfzig Octavbände einnehmen. Es iſt auch wirklich das Scre>en der Ge-
lehrten geworden, und findet die Würdigung nicht mehr, die es verdient,
indem man ſich heutzutage begnügt, daſſelbe mehr zu bewundern als zu
leſen. So klagt wenigſtens Schloſſer. Früher war aber das Werk Vin-
cenzen3 der Gegenſtand genauer Forſchung, denn man hat nicht nur ge-
funden, daß er Stellen aus 450 Schriftſtellern und aus 2000 Werken
'excerpirte, ſondern man hat ſich ſogar die Mühe gegeben, ein Verzeichniß
der Gcriſtſieller aus der früheren Zeit zu verfaſſen, deren Vincenz nicht
erwähnt. .
- Vincenz ging von dem Saße aus, daß alle Wiſſenſchaften mit einander
in Verbindung ſtehen und ſich gegenſeitig auf einander beziehen. Ex nahm
„niht nur Theologie, Philoſophie und die freien Künſte in ſein Werk auf,
ſondern auch die Naturwiſſenſhaften und die Geſchichte. Es enthielt aljv
"das Speculum Alles, deſſen ein Gelehrter der vamaligen Zeit zu jeiner
VBildung bedurfte. Deßhalb wurde es auc< Lneoye/opaedia und HProölo-
iheca mundi genannt. Seine Vorgänger Jſidor von Sevilla, Caſſiodorus,
Richard und Hugo von St, Victor übertraf er, wie Vogel urtheilt, dur<
Umfang, Vielſeitigkeit und Ordnung des mitgetheilten Stoffes. Im All-
gemeinen zerfällt das Speculum in drei große Abtheilungen, welche han-
deln : 1) von Gott, .dem Schöpfer und den Creaturen (Speculum naturale);
9) von dem Falle und der Wiederherſtellung der Creatur, beſonders des
Menſchen dur< die Wiſſenſchaft (Speculum doetrinale) ; 3) von der Ge-
ſchichte der Welt (Speculum historiale). Eine vierte Abtheilung, welche
dem Werke al8 Speculum morale beigegeben wurde , iſt unächt. Um den
Umfang und die Ausführlichkeit, mit welcher Vincenz die beſprochenen
Materien behandelt, anzudeuten, führen wir nur an, daß die erſte Abthei-

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