304 Wahrheit -- Wahrhaftigkeit, == Waiſenerziehung und Waiſenhäuſer.
materiell wahr ſein ſoll. Dex Unterricht muß auch formell wahr
fein; die ganze Behandlung und Darſtellung des Unterrichtsſtoſfes, vie
Beziehungen, welche ihm gegeben werden, der Zuſammenhang, in den man
ihn bringt, alles muß wahr, wirklich und weſenhaft ſein , muß mit dem
Stoſſe jelbſt und mit allen davon berührten Wahrheiten übereinſtimmen?
Denken wir uns z. B. vie Lehre: Gott iſt ein Geiſt und ſoll im Geiſte
und im der Wahrheit angebetet werden, als Unterrichtöſtoff. Jſt die Be-
handlung dieſer Lehre im Unterricht eine wahre, ſo geht fie von der Perſon
Chriſti aus, in welchem die Anbetung Gottes im Geiſte und in der Wahr:
heit auf'S Vollkommenſte real geworden iſt, und an welche man ſich daher
engſtens anjchließen müſſe, wenn man Gott im Geiſte und in der Wahr-
heit anbeten wolle; dieſer Anſchluß macht die Anbetung zu einer währen
und darum auch zu einer wahrhaft getwoſlien, gedachten nnd empfundenen.
Faßt man ſie aber, wie es ſv häufig geſchieht, bloß als Gegenſaß zum
Lippengebet auf, ſo fehlt nicht nur der reale Zuſammenhang für dieſe
YBahrheit, jondern die Darſtellung derſelben wirjt ſich einſeitig auf die
innere Bethätigung der Gottanvetung und ſtellt deren äußern Anusdruc in
Schatten, wodurch fie unwahr wird. --- Der Unterricht iſt wahr, wenn er
b) in der Perjon des Lehrers ſelbſt zur Wahrheit geworden iſt,
Dd. hy. wenn der Lehrer die Wahrheit genau kennt, fie liebt und. nur ſie
lehren will. Der Unierricht iſt nicht wahr , ſobald er von einem Lehrer
ertheilt wird, ver die Wahrheit nur haib oder einfeitig kennt, ſie nicht als
Wahrheit zu behandeln verſteht, oder nicht ſelbſt die feſte Ueberzeugung
von ihr als einer Wahrheit in fich irägt;: namentlich wird ſeine Lehrweiſe
eine unwahre jein. Dadurch indeß wird der Unterricht noch nicht unwahr,
wenn der Lehrer da die Wahrheit zurü&hält (reſervirt), wo deren Mit:
theilung entweder nicht verſtanden würde , oder zu Jrrthümern führte und
ſohin Schaden brächte. Hierin liegt keine Abweichung von der Wahrheit,
ſondern nur eine woife Begrenzung in der Mittheilung derſelben. --- Wir
haben bei unjerm Saß, daß Erziehung und Unterricht wahr ſein ſollen,
nur ven Rrädicatsbegriff im's Auge gefaßt, die Erörterung des Subjects:
begriffes den Artikeln „Erziehung“ und „Unterricht“ überlaſſend. -- Zſt
die Erziehung und der Unterricht in vobjectiver und ſubjectiver Beziehung
wahr, dann entſteht jenes reine Wohlgefallen au der Wahrheit, welches
man Wahrheits3zefühl nennt, und jenes reine Streben nach der Ex:
kenntniß der Wahrheit, wel erzeuat ſich jene Frucht, auf welche ſchon oben hingewieſen iſt, nämlich die
Wahrhaftigkeit. Das Geſühl und die Liebe zur Wahrheit, ſomit auch
die Wahrhaftigkeit gebören zum tiefſten Weſen ves Menſchen. „Der Menſd
(jagt Hirſcher) --, da8 Werk Gottes des Wahrhaftigen, iſt wahr geſchaf:
fen, und Geradheit iſt das urſprünglich in ihn Gelegte. Unwahrſein heißt
altio das eigentlih Göttlihe = die anerſchaffene Geradheit von ſich
thun.“ G38 muß daher ein Menich innerlich ſchwer zerfallen fein , wenn er
nicht bloß gleichgiltig gegen die Wahrheit ſich verhält, ſondern ihr ſogar
entgegenſtrebt, und lieber ven Irrthum begünſtiget , wenn es ihm Vortheil
brinat. Cinen folhen Menſchen nennt man einen Wahrheits8feind. =
Waiſenerziehniug und Waiſenhäufer. Das Heiventhum hatte keinen Ve:
griff von einer Waiſenerziehung. (Es hing dies theil3 mit der Gewohnheit,
die Kinder auszufeßen, theils mit der Sklaverei zuſammen. (Es iſt uns
kein einziges Volk bekannt, welches die Waiſen in Schutz nahm und mit
Ausnahme von ein paar Verſen in Homers Jiias hat unſeres Wiſſens
kein Schriftſfieller den Waiſen fine Thoilnahme vezeugt. Nur in Athen
wurden die hinterlattonen Kinder von Männern, welche ſich um das Vater-
[and verdient machten , in vem Prytaneum anf Staatskoſten erzogen und

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