Zinzendorf und die Herrnhuter, 665
eigenes Pädagogium und ein theologiſches Seminar, erſteres in Wiesky,
leßteres in Gnadenfeld; in Barby iſt ein Schullehrerſeminar. Die Er-
ziehungsanſtalien ſind alle klöſterlich eingerichtet. Aus der Miſſionsthätig-
keit der Brüdergemeinde wollen wir nur das hervorheben, daß ſie nicht
aus8drüclich auf der Aufnahme in die Brüdergemeinde beſtehen, ſondern die
Klaſſe „der neuen Leute“ von den eigentlihen „Taufcandidaten“ und
dieſe wieder von den „Ahendmahls3candidaten“ unterſcheiden. (Zezſ<-
wiß a. a. O. 1, 708.) Die Zahl der eigentlichen Gemeindemitglieder beträgt
in Europa gegen 11000, in Nordamerika gegen 7000. Wollen wir nun
das Herrnhut'jhe Erziehungsſyſtem unparteiiſch würdigen, ſo müſſen wir
vor Allem die ſittlihen Neſultate anerkennen , welche daſſelbe aufzuweijen
hat. Dieſe ſittlihen Reſultate fließen aus der Betrachtung des Kreuztodes
Jeſu Chriſti. Wenn die Wunden -, Blut - und Kreuztheorie der Herrnhuter
Gegenſtand des Geſpöttes geworden, ſo rührt das von den vielen abge-
ſ Geſangbuch übergingen. Allein es iſt ein Fortſchritt, ven die Brüverge:
. meinde gemacht , daß ſie von dieſen Alfanzereien das Liederbuch gereinigt
hat, wie auh jene Lieder ausgemerzt wurden, in weichen die Geheimniſje
der Liebe und der Che auf das Verhältniß des Menſchen zu Chriſto ange-
wendet wurden. Zinzendorf ging nämlich von vem Grundſaße aus, das
Natürliche ſei nicht unanſtändig und den Reinen ſei Alles rein. Das hohe
Lied im Auge, beſchenkte er feine Gemeinve mit ebenſo Aergerniß, als
Lachen und Spott erregenden Liederverſen und ſein Geſangbuch fiel [vo
aus, wie das hohe Lied ausgefallen wäre, wenn es aus der Feder eines
Deutſchen hervorgegangen wäre. Auch das Joch ve38 Lo oſes hat die
Gemeinde abgeſchüttelt und die Chen werden na freier Wahl, obwohl
nah genommener Rüdſprache mit den Gemeindeaufſehern, geſchloſſen. Rur
bei den Ehen ver Miſſionäre und bei der Aufnahme der Profelyten wird
noh das Loos zur Anwendung gebracht. In leßterm Falle wird nämlich
dur< das Loo3 angefragt, ob der Zeitpunkt der Aufnahme für den Be-
kehrten ſc liche und weſentlihe Fortſchritte gemacht. Man muß den Gliedern der
Brüdergemeinde das Zugeſtändniß machen, daß ſie ein größeres Maß Bil-
dung beſißen, als dies in den gewöhnlichen Leben3verhältniſſen geſunden
wird. Es herrſcht hei ihnen Cinfachheit dex Sitten, Nedlichkeit in Handel
und Wandel, Sinn für Ordnung und Reinlichkeit, Höflichkeit und gemet-
ſene8 Betragen. Allein es liegt dem HerrnhutianiSm ein tieſer Jrrthum
zu Grunde. Die Lehre vou der Verſöhnung durc< Chriſti Blut und Ge-
rechtigkeit wird einſeitig yremirt, während dieſelbe nur im Zuſammenhang
mit den übrigen Dogmen verſtanden werden kann, und während die Lehre
von der Gnade feſtgehalten wird, wird die Lehre von der Buße ſallen ge-
laſſen. Das Leiden Chriſti iſt der Gegenſtand beſtändiger Coniemplation,
aber nicht der Compaſtion, wie Col. 1, 24. es verlangt. Es herricht in
allen Schriften, Ermahnungen und Betrachtungen eine geiſtliche Sicherheit,
welcher das „in Furc es verlangt, entgegenſteht. Die äußere Kirhenzucht dagegen unterdrüct
die ſelbſtſtändige Entwieklung der Individualität, und wie die Herrnhuter
gleich denken und empfinden, ſo ſind ſie äußerlich auch gleich in ihren
Handlungen , Manieren, Geberden und Lebensangewöhnungen. Während
das Chriſtenthum Cinheit des Glaubens (Epheſ. 4, 5.) verlangt, und
das individuelle Lehen innerhalb der Einheit ves Glaubens und der dur)
dieſe Einheit des Glaubens bedingten Einheit der Sitte ungeſtört ſich ent-
falten läßt, wird die Einheit de8 äußern Lebens hier aufrecht erhalten,
die Einheit des Glaubens aber unbeachtet gelaſſen. Noch iſt zu bemerken,

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