Das Sdulturnen
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D' Entwicklung des Schulturnens iſt ein klaſſiſches Beiſpiel dafür, wie langſam und
mühevoll Erkenntniſſe in die Wirklichkeit des Lebens übergehen. Der Gedanke eines
Schulturnens, d. h. der Pflege von LeibeSübungen durd) die Schule iſt nicht erſt ein Ge-
danke unſerer Zeit. Die Schriften der großen Erzieher des 16., 17. und 18. Jahrhunderts
ſind voll von dem Beſtreben, der Körperbildung ihr Recht innerhalb der Erziehung zu
erkämpfen. Aber nod) 1793 vermerkt GutsMuths in ſeiner „Gymnaſtik für die Jugend"
die „traurige und verwunderliche Tatſache, daß niemand in dem Begriff Schule die Idee
von der Rörperbildung findet“. Die Derſuche, die Körperbildung in das Ganze der
Erziehung einzugliedern, ſetzten ſeither nie gänzlich) aus; aber es ſollte nod) geraume
Zeit dauern, ehe die Schule ſelbſt das Turnen aufnahm. In Preußen 3. B. wurde 1842
durd) eine königliche Nabinettsordre das Turnen „als notwendiger und unentbehrlicher
Beſtandteil der männlichen Erziehung förmlich anerkannt und ſeine Aufnahme in den
Kreis der Volkserziehungsmittel und die ſorgfältige Pflege desſelben anbefohlen".
Dies ſchuf zunächſt dem Turnen an den höheren Schulen eine beſſere Entwielungs-
möglichkeit. Sür die Volksſchulen wurde das Turnen erſt 1860 bis 1874 in den verſchie-
denen deutſchen Staaten Pflichtgegenſtand, allerdings nur mit einer geringen Stunden-
zahl und nur für die Unaben.
In Öſterreic) wurde 1869 durc das Reichsvolksſchulgeſeß das Turnen für die Volks-
ſchulen und für die Lehrer- und Lehrerinnenbildungsanſtalten eingeführt. Leider hob
das Geſez vom Jahre 1883 dieſe Beſtimmung für die Mädchenſchulen wieder auf.
Einzelne Mittelſchulen hatten ſchon ſehr früh das Turnen ihrem Lehrplan eingefügt,
ſo 3. B. das Gymnaſium in Mediaſc) (Siebenbürgner Sachſenland) 1822, die There-
ſianiſche Militärakademie 1838. Allgemein eingeführt wurde es für die Realſchulen
1869, für die Gymnaſien 1909 (obgleich ſcon der Organiſationszentwurf von 1849 es
vorgeſehen hatte!) und für die Mäd Ein merkwürdiges und im Grunde trauriges Kapitel, zu dem hier ein paar Worte
geſagt ſein ſollen, iſt der Kampf um das notwendige Zeitausmaß für das Turnen.
Seit mehr als 100 Jahren fordern Ärzte und Erzieher in voller Einmütigkeit die täg-
lie Leibesübung für die heranwachſende Jugend. Es ſtünden dann den 24 bis 28
Stunden intellektueller Ausbildung 6 Stunden für die körperliche Ausbildung gegenüber
-- gewiß nicht allzuviel, wenn man bedenkt, wie viel die Geſundheit eines Menſchen
für ihn perſönlic) und aud) volkswirtſchaftlic) bedeutet. Gleichwohl ſind wir heute
erſt wenig über das anfangs zugeſtandene Maß von 2 Wochenſtunden hinausgekommen,
obwohl man mehr als je von der „harmoniſchen“ Erziehung ſpri haben die Schulen in Deutſchland und Öſterreich heute drei wöchentliche Übungs-
zeiten. Das iſt angeſichts der ſtarken Einſchränkung des Bewegungsraumes, die die
Zuſammenballung der Menſchen in Städten unvermeidlich mit ſich bringt, unbedingt
zu wenig. Unmittelbar nach dem Weltkrieg hatte es eine Zeitlang den Anſchein, als
würde man ſic bei der Neugeſtaltung der Lehrpläne von raſſe- und volksgeſundheit-

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