Die Bewegungskunſt 183

wegungsformende unterſcheiden. Die bewegungsformenden arbeiten mit der VDer-
lagerung des ganzen Syſtemes von Gelenken, aus dem der menſchliche Nörper beſteht;
es wird im Raum verſchoben und kommt an einer anderen Stelle über einer neuen
Unterſtüßungsflädhe wieder ins Gleichgewicht. Die haltungsformenden Übungen arbeiten
an der Verſchiebung der Körperteile gegeneinander. Sie bedeuten ein Sich-ſelbſt-inner-
lich-zurecht-rüden. Es ſind Seinbewegungen gegenüber den großen Derſchiebungen bei
der Verlagerung im Raum. Dieſe kleinen, zarten Bewegungen erfordern mehr Auf-
merkſamkeit und ein entwidelteres Körpergefühl als die großen; die Bewegungsfor-
mung tritt daher zeitli) früher in Erſcheinung als die Hhaltungsformung.
Sormung kann von jedem Übungsgebiet aus getrieben werden. Denn jedes Gebiet
hat ſeine ihm eigentümlichen Bewegungen, die dur Ausführung hin geſchult werden können. Ein ſchönes Beiſpiel dafür bietet der heutige
„natürliche“ Shwimmunterricht, der auf dem „Erfühlen" der eigenartigen Bewegung
im Waſſer aufgebaut iſt und dadurd) eine unvergleichlic) feine Bewegungsſchulung
darſtellt, die gleichzeitig von hohem allgemein körperbildenden Wert iſt. iu andere
Übungsgebiete wie 3. B. die Leichtathletik und der Skilauf arbeiten heute immer ſtärker
mit einer Schulung, die auf das Erfühlen des körpergemäßen Bewegungsablaufes ge-
richtet iſt und erſt ſpäter darauf die Leiſtungsſteigerung aufbaut.
Die Ausgleichsarbeit hat körperliche Sehler wegzuräumen; ſie iſt - leider ! -- im Schul-
turnen unter den heutigen Derhältniſſen kaum ganz zu entbehren. Die ausgleichenden
Übungen laufen ſtändig neben den formenden Übungen her; da die Schädigungen 3. B.
durc) das Siken immer fortwirken, muß dauernd gegen ſie gekämpft werden. Au) wird
oft erſt in der formenden Arbeit deutlich, wo Fehler ſind, die weggearbeitet werden müſſen.
Iſt aber einmal nichts mehr auszugleichen, dann müſſen die Ausgleichszübungen aufhören.
Man nimmt ja auch eine Medizin nicht weiter, wenn die Krankheit überwunden iſt.
So wie die Leiſtungsübungen außer ihrer körperlichen Wirkung nod) eine allgemein
erziehliche Bedeutung haben, ſo beſißen auch die formenden Übungen eine ſolc Schüler lernt durd) ſie ſeinen Nörper als ein Stü& Natur verſtehen, das wie alles andere
in der Natur ſeine beſondere Ordnung hat. Er lernt auc, daß in dieſer Ordnung das
Gedeihen liegt. 5o wird der Boden bereitet für das Derſtändnis der Geſeßlichkeit des
ganzen Nörperlebens. Die geſundheits5gemäße Geſtaltung der Nörperpflege, der Klei-
dung, der Wohnung, der Ernährung uſw. kann von hier aus als eine biologiſche Pflicht
klar gemacht werden. So greift die formende Arbeit weit über die körperlichen Übungen
hinaus, das ganze Leben geſtaltend. Cine vernünftige Körperpflege iſt eine Pflicht des
einzelnen gegen ſid) ſelbſt, ſc)on weil es eine Pflicht gegenüber der Geſamtheit iſt;
es hat volksgeſundheitlicj)e und volkswirtſchaftlic)e Bedeutung, wenn der einzelne
dazu erzogen iſt, biologiſch) verantwortlic) zu handeln. Die viel erörterte Frage der
ſexuellen Erziehung iſt ſinngemäß hier einzugliedern. Die körperliche Erziehung iſt nicht
vollſtändig, wenn ſie dieſer Srage ausweicht. Die Erziehung zu Reinheit und Verant-
wortlichkeit in den Sragen des körperlichen Lebens überhaupt gibt den beſten Unterbau
für die ſexuelle Erziehung, deren Ziel nicht Unterdrü>en oder Derheimlichen, ſondern
nur verantwortliches Handeln ſein kann. „Wenn ein Knabe und ein Mädchen als Einzel-
glieder in der Kette der aufeinanderfolgenden Geſchlechter ihre Derantwortung gegen
Vorfahren und Nachkommen begreifen, dann verſtehen ſie aud) ihre Pflicht, ſich körperlid)
zu bewahren", heißt es in den öſterreichiſchen Oberſhullehrplänen.
3. Bewegungskunſt. „Der Menſd) iſt nur da ganz Menſch, wo er ſpielt."

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