272 Die katholiſche rellglöſe Erziehung

Und dennoch bieten gerade die religiöſen Gegenſtände einen ungemein geeigneten Stoff
für dieſe Methode der Zuſammenarbeit, Erſcheint do meiſt der Schüler im Religions-
unterricht keineswegs als vollkommen unbeſchriebene Tafel, in der erſten Volksſchul-
klaſſe mag es leider vielfach anders ſein. Es wird ein gewiſſes religiöſes Wiſſen und
Können, es werden religiöſe Eindrüde und Erlebniſſe in die Schule gewöhnlich mit-
gebracht. Und da iſt es denn eine ſchöne Aufgabe, mit den Schülern zuſammen, auf
Grund dieſes ihren Seelenbeſißes, neue Einſichten, neue Zuſammenhänge, neue
Wertungen, neue Entſchlüſſe zu erarbeiten. Aus den Glaubensquellen, aus den kird-
ſichen Lehrentſcheidungen, aus der Kirchengeſchichte ſchafft der Arbeitsunterricht im
Zuſammenwirken mit dem Lernenden umfaſſendere Erkenntniſſe und feſtere Willens-
neigungen.
3. Die Einheit von Geiſt und Form, als religiöſe Erziehungsgröße,
zumal für das kleine Uind, alſo zunächſt in der Hand der Familie liegend, fordert eine
ungewöhnliche pädagogiſche Kunſt. Da das Kind vom dritten bis zum fünften oder
ſechſten Lebensjahr zu vielen Formen no nicht verpflichtet iſt, aber bereits den Geiſt
einatmen ſollte, muß ſich die Samilienerziehung, ganz im Gegenſatz zur üblichen Ge-
wohnheit und allen entgegenſtehenden Hemmungen zum Troß, angelegen ſein laſſen,
in jenem Lebensabſchnitt des Kindes den Geiſt vor die Form zu ſetzen, bei allen religwſen
Belangen die Zorm aus dem Geiſt vor dem Kind erſtehen zu laſſen, ſtatt, wie es meiſt
geſchieht und durch falſche Schlüſſe aus pſychologiſchen Tatſachen begründet wird, zu
einer unverſtandenen 5orm mechaniſch zu erziehen. Uatürlid) muß dieſe Offenbarung
des religiöſen Geiſtes vem kindlichen Verſtändnis angepaßt ſein. Die Pädagogik der
Zukunft hat dieſe für den Kinderſinn greiſbaren Darſtellungen des „Geiſtes" aus-
zuarbeiten.
4. Die einheitliche Zuſammenfaſſung derbeiden Gebiete geiſtiger
und körperlicher Arbeit, eine wichtige Aufgabe der Zukunftserziehung,
bisher arg vernachläſſigt, gehört inſofern in unſer Feld, als ſie zu beſonderer Srucht-
barkeit durc) religiöſe Gedankengänge gebracht wird. Dieſer Cinklang iſt ſo bedeutſam,
daß jedes Erziehungsergebnis ohne ihn, vom höchſten Kulturſtandpunkt aus und auf
dem Standort vollkommenen Menſchentums geſehen, notwendig einſeitig bleibt. Er-
zieheriſc) auszuſchalten iſt demnach das ausſchließliche Ariſtokratentum der geiſtigen
Arbeit, neben und unter der die körperliche als proletariſc< gezeichnet erſcheint. Beide
Gegenſtände müſſen viel": er zu einer einzigen Größe mit zwei Seiten verſchmolzen
werden, die ſich durch gegenſeitige Ehrfurcht ſtüßen. Man muß ſich durd) Erziehung ge-
wöhnen, beide Arbeitsleiſtungen, als Ergebnis jedes Erdentages, zu einer feſtgefügten,
einheitlicljen Errungenſchaft zu verſchweißen, als menſchheitsdienenden Uraſterlös
der Menſchengemeinſchaft zu ſchauen. Dabei iſt der geſellſchaftliche Abſtand beider
Arbeitergruppen nichts anderes, wenn man ihn in ſeiner Tiefe faßt, als die notwendige
achtungsvolle Rüdſicht auf den beſonderen, die Arbeit ermöglichenden Lebensrhythmus.
Die faſt ausnahmslos vernachläſſigte Erziehung zu dieſen Einſichten iſt zum guten Teil
eine religiöſe; denn ſie lernt hauptſächlich) aus der Betrachtung des Ideallebens Jeſu
Chriſti die Gleichberechtigung und die Möglichkeit einer höheren Suntheſe beider Ar-
beitskreiſe, ſie ſchöpft aus dem Hochſtand der Lebensauffaſſung Chriſti die Beweg-
gründe für die Theorie und Praxis einer Einheitsauffaſſung, welche für die endliche
Derſtändigung der Menſchen untereinander maßgebend iſt und ſchon deshalb zu den
erzieheriſchen Hauptſächlichkeiten gehört.

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