Schulſparkaſſen, 391
Genehmigung der Eltern oder des Vormundes des Einlegers ſtattfinden. Die
Aufſicht und Leitung beſorgt der Orts8ſchulrat, welchem es geſtattet iſt, dazu
eine beſondere Kommiſſion zu ernennen, Das iſt nun ganz ſchön. Aber es
kann anderſeits doc< nicht geleugnet werden, daß es zwar die Aufgabe der
Schule iſt, den Sinn für Sparſamkeit zu we>en, daß aber das Einſammeln,
Aufbewahren und Verwalten von Sparpfennigen weit weg von der Aufgabe
der Schule liegt und daß es ſicher eine große Beläſtigung der Lehrer iſt, der
Kaſſenrendant der Kinder eines ganzen Ortes zu fein. Au birgt dieſe Art
von Thätigkeit mancherlei Gefahren und Verſuchungen für den Lehrer in ſich.
Die Kinder, welche nichts verdienen, können auch nichts ſparen; Kinder aber,
welche darauf angewieſen ſind, ſhon in der Schule verdienen zu müſſen, be=
finden ſich in Lebensverhältniſſen, die es ihnen zur Pflicht machen, den Ver-
dienſt an die Eltern zum Unterhalte abzugeben. Je erfreulicher die Reſultate
einer Schulſparkaſſe ſind , deſto verdächtiger ſind ſie, weil ſie dann nur den
Eltern es bequem machen, ihre Sparpfennige nicht in die eigentlichen Spar-
kaſſen zu leaen. Die Schulſparkaſſen können nicht den Eltern ſparen helfen.
Aber auh ſittliche Gefahren bringen dieſe Inſtitute mit ſi. Cs kann ſtatt
des Sinnes für Sparſamkeit ebenſo gut der Geiz genährt werden, und es iſt
nicht ſtatthaft, den Sinn des Kinde38 ſchon ſo frühe auf Zins und Zinſe3-
zinſen zu richten. Das Kind, das nichts einlegen kann, wird mit Mißbe-
hagen auf den Mitſchüler blien , der Einlagen macht, und der Unterſchied
zwiſchen arm und reich tritt no< greller hervor, niht zum Vorteile der Volks-
erziehung. Die Kinder ſelbſt werden in die Verſuchung geraten, die Eltern,
für die ſie einkaufen müſſen, zu hintergehen, ſie zu beſtehlen und zu übervor=
teilen, um in die Kaſſe legen zu können. Kurz, die ideale Seite der Erziehung
wird erhebli verlieren und die reale wird dabei nichts gewinnen, denn wenn
das Kind aus der Schule austritt, kann es ſeine Einlagen Jederzeit zurüc-
nehmen und nehmen es dann die Eltern in Empfang. Darum haben ſich
die meiſten Lehrervereine gegen die Sculſparkaſſen ausgeſprochen, insbefondere
1880 der Vierte Deutſche Lehrertag zu Kaſſel. Die Regierungen in Deutſch-
land haben von vornherein eine ſehr zurüchaltende Stellung eingenommen.
Baden hat die Verwaltungsbeamten beauftragt, der Errihtung von Sc ſparkaſſen keinen Vorſchub zu leiſten; Bayern macht die Bewilligung von
den jeweiligen Verhältniſſen abhängig, über die in jedem einzelnen Falle be=
richtet werden muß. In Preußen betrachten die meiſten Regierungen dieſe
Thätigkeit des Lehrers als eine Nebenbeſ Genehmigung eingeholt werden muß. Den größten Schlag haben die Shuls-
ſparkaſſen dadurch erhalten, daß der eifrigſte Kämpfer dafür, Paſtor Sen&>el
in Hohenwalde, bekannt machte, er habe ſeine Stelle als Geſchäftsführer des
Vereins für Förderung der Zugendſparkaſſen niedergelegt, weil er keine Arbeit
mehr habe. Aber auc in anderen Ländern zeigen ſi die Anfänge einer
Reaktion. So hat z. B. die ungarijhe Regierung, welche die Gründung der
Shulkaſen ſogar dur Lehrer mit 2825 fl. prämiierte, verordnet, daß Pfarrer, Richter, Notare, Poſt=
meiſter oder Arzte Über die Sculſparkaſſen Kontrolle üben ſollten. (Allg.
D. Lehrz. 1882, Nr. 37.) Auch in Holland und in Frankreich macht ſich
eine namhafte Bewegung gegen dieſe Anſtalten geltend. Jn Deutſchland ſind
ſie durc< die Pfennigſparkaſſen überflüſſig geworden. Dieſe ermöglichen es den
Eltern, auch die kleinſten Beträge , ſowohl für ſich, als für die Kinder anzu-
legen. Allerdings ſind nicht überall Pfennigkaſſen, aber ſie werden überall da
ihren Eingang finden, wo Boden für ſie iſt, namentlich in Orten, welche
Induſtrie beſigen, und wo die Pfennigkaſſe nict gedeiht, gedeiht die Spare
kaſſe auch nicht. -- Zur Litteratur: Malarce, A. de, Die Shulſparkaſſen
(120. Heft der Deutſchen Zeit= und Streitfragen). Deutſche Aus8gabe. (31 S.) 80 Z.
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