Spanien. 337
ſollen ihre Sachen zuerſt vorgenommen werden und die Richter und Screiber
ſollen ſich erheben und ihnen drei Schritte entgegen gehen, um ſie zu begrüßen ;
auc< dürfen die „Meiſter des erſten Wiſſens" Waffen zur Verteidigung und
zum Angriff tragen. Wenn Lehrer nicht mehr im ſtande ſind zu unterrichten,
„nac ſie alle Vergünſtigungen und Vorrechte genießen, welche den Herzögen , Frei-
herrn und Grafen zu teil werden und es ſoll ihnen gegeben werden, was ſie
jedes Jahr nötig haben werden und dürfen ſie von dem königlihen Schaßmeiſter
die erforderlichen Summen fordern und fich auszahlen laſſen, wel ſtigung ſo lange wie ihr Leben dauern ſoll. Dieſe Berordnung wurde bis
auf die Zeiten Karls IV (1788) immer wieder erneuert. (Rundſchau über
das Unterrichtsweſen aller Länder. 1880. S. 140.) So lohnte das katholiſche
Spanien die Angehörigen eines Standes, welche das liberale Spanien betteln
gehen läßt. =- Welcher Shwindel im Unterrichtöweſen getrieben wird, geht am
beſten aus der Verfügung hervor, die 1882 in betreff der Kleinkinderſchulen
erlaſſen wurde. Es ſoll keine Lehrerin mehr definitiv angeſtellt werden , welche
kein Fähigkeitszeugmis beſitzt. Um Kleinkinderlehrerin zu werden, muß man
einen Unterrichtskurs an einer Normalſ nit nur ſpaniſch, ſondern auch franzöſiſch lernen. Unterdeſſen berichten die
neueſten Schulblätter, daß der Herr Miniſter des Unterriht8 eine Lehrerin an
einer Volksſchule entlaſſen mußte, weil ſie --- weder leſen no< ſ konnte. Es ſ daß ja die Geiſtlichen keinen Einfluß auf die Schule ausüben und angeſichts
dieſer Thatſache ſh<ämt man ſich nicht, in den Berichten über Spanien zu ver-
zeihnen : „Die Volksbildung in den Händen der zahlreichen ungebildeten Geiſt-
lichkeit iſt jehr vernachläſſigt.“ (Meyer3 Handlexikon des Allgemeinen Wiſſen3,
Art. Spanien.) -- Der mittlere Unterricht wird in 64 Kollegien höhern und
niedern Ranges gepflegt, iſt aber ebenfalls höchſt oberflächlih. Er dauert nur
ungefähr 4 Jahre und die Abiturienten zur Univerſität wiſſen kaum, was bei
uns ein Schüler der Tertia weiß. Univerſitäten giebt es zehn, nämlich Madrid
(6672 Studenten) , Barcelona (2459), Valencia (2118), Sevilla (1358),
Granada (1225), Valladolid (889), Santjago (779), Saragoſſa (771), Sala=
manca (das einſt mit Paris, Oxford, Löwen und Bologna wetteiferte und zur
Zeit ſeiner höchſten Blüte 10,000 Studenten zählte), jezt 372, Oviedo (216).
Allein nicht alle haben die 4 gebräuchlichen Fakultäten (Philoſophie und Littera-
tur , Rechtswiſſenſchaft , Mathematik und Naturwiſſenſhaft , Medizin und Heils-
fräuterkunde). So 3. B. hat Oviedo keine mediziniſ Theologie werden nur Kirchengeſhichte und kanoniſches Recht gelehrt; die
eigentliche Theologie wird in den biſchöflichen Seminarien betrieben. An den
zehn Univerſitäten waren 1879 413 ordentliche, 80 außerordentliche und 160
Aſſiſtenten (Privatdozenten ohne Gehalt) angeſtellt, alſo in Summa 6555
Dozenten mit 16,874 Zuhörern. Es find in Spanien im Verhältnis zur
Einwohnerzahl eine große Anzahl Studierender, was daraus erklärlich iſt, daß
es eben bei den wohlhabenden Familien Sitte iſt, die Söhne ſtudieren zu
laſſen, aucF€g wenn fie auf keine Anſtellung AnſprucF machen wollen. Die
Honorare für Vorleſungen, Einſchreibungen, Promotionen ſind ſehr hoh , denn
der Staat giebt nur 160,000 X aus, das übrige (1,920,000 -&) müſſen
die Univerſitäten durc< ihre eigenen Einnahmen de>en. =“ No verſmwiegen werden, daß die ſpaniſche Regierung vor einigen Jahren die
unterrichtlihen Zuſtände des Landes zu rechtfertigen geſucht hat. Bei Gelegen
heit der zweiten Pariſer Weltausſtellung 1878 hat ein gewiſſer Herr J. Manier
durc< eine kartographiſ öffentlichen Unterrichtswejens in den europäiſchen Staaten zu geben verſucht.
Auf dieſer Karte erſcheinen die letzteren in vier Abſtufungen , welche die Höhe
Rolfus, Ergänzungöband der Real-Encyklopädie. 99

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